Kammermusiksaal

Violinistin Janine Jansen will über den Augenblick hinaus

Im Kammermusiksaal zeigt die Künstlerin ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten, verlässt aber nie die Sphäre romantischer Innerlichkeit.

Janine Jansen. hier bei einem Konzert in Wiesbaden im Sommer vergangenen Jahres.

Janine Jansen. hier bei einem Konzert in Wiesbaden im Sommer vergangenen Jahres.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Berlin. Schon die erste durch den Kammermusiksaal schwebende Phrase zeigt an, dass Janine Jansen eine außergewöhnliche Musikerin ist. Die artifizielle, romantisch ins Grenzenlose geführte Melodie, welche von Geige und Klavier für die Dauer eines ganzen Satzes gemeinsam durchhalten wird: Die niederländische Stargeigerin gibt ihr bei diesem Kammermusikabend mit Klavierpartner Alexander Gavrylyuk Binnenspannung, eine Zartheit und zugleich eine bei derzeitigen Geigern ungewöhnliche Dunkelheit.

Sympathisch und bescheiden

Sofort wird man eines Alleinstellungsmerkmals von Jansen gewahr – und zugleich eines Problems: Die stets sympathisch, ausgesucht freundlich und bescheiden wirkende Jansen kann kein müheloses Forte. Ihr Ton besitzt Feinheit und kennt einige subtile Varianten im Piano, aber Durchschlagskraft – ein umstandsloses „Hier bin ich“ – hört man so gut wie nie.

Vielleicht hat Janine Jansen die Werke des Abends in diesem Sinne gewählt. Kein diesseitig-konkreter Mozart. Moderne in Gestalt von Prokofiew nur in der Zugabe. Zugelassen sind hier Stücke mit Geigenlinien als fragilen, gespannten Seidenfäden.

Man könnte jedes einzelne davon genießen, aber es ist immer die gleiche Ausdruckssphäre romantischer Innerlichkeit, seelischer Offenbarung, Selbstsuche, Bekenntnis. So etwas verkörpert Janine Jansen in ihrem Spiel, auch optisch. Sie kann Spannung erzeugen und besitzt ein Legato mit Sogwirkung. Aber was nützt die energische Entfaltung von Ausdruck, wenn dieser Ausdruck ist in der Lautstärke immer nach oben hin gedeckelt ist, der Ton selbst sich nicht entfaltet, die Energie sich am Ende entlädt?

Der Ton wird unbeschwerter

In Ansätzen hört man diese Entfaltung in den schlichteren „Drei Romanzen“ op. 22 von Clara Schumann, aber insgesamt muss diese Beschränkung unweigerlich als Defizit empfunden werden. Zumal Pianist Alexander Gavrylyuk eine sehr gradlinige Haltung zu der um Wahrhaftigkeit des Gefühls ringenden Musik der Schumanns und César Francks hat. Gavrylyuks heller Ton droht mehr als einmal die dunklen Tiefen im Klang der Geigerin zu überblenden. Anders als sie geht er und seinem auch nicht dermaßen komplizierten Hauptthema den musikantisch direkten Weg. Allein im lichten Hauptthema aus der Brahms-Sonate Nummer 2 in A-Dur, da begegnet man einer klanglich etwas freieren Janine Jansen, der Ton wird unbeschwerter, modulationsfähiger.

Janine Jansen denkt sich musikalisch trefflich in spannungsreiche, große Formen des romantischen Zeitalters hinein, sie will mit ihrem Geigenspiel stets über den Augenblick hinaus. Klanglicher Augenblick und fortschreitender Geist aber treffen sich eher in der Epoche der Klassik, bei Haydn, Mozart, Beethoven. Vielleicht wäre es nicht nur für die Dramaturgie von Jansens Konzertprogrammen besser, solche Stücke dazwischenzuschieben, sondern auch für ihr eigenes Spiel.