Martin Grubinger

Ein Schlagzeuger versetzt die Philharmonie in Verzückung

Unter Dirigent Zubin Mehta wird die „Scheherazade-Suite“ gespielt. Martin Grubinger kann sich hemmungslos austoben.

Zeigte sich in seinem Element: Schlagzeuger Martin Grubinger.

Zeigte sich in seinem Element: Schlagzeuger Martin Grubinger.

Foto: Simon Pauly / Berliner Philharmoniker

Berlin.  Erst eine volle Ladung Schlagzeug, dann die spätromantische „Scheherazade“-Suite: Bei diesem Philharmoniker-Programm hätten dem Komponisten Rimsky-Korsakow vermutlich die Haare zu Berge gestanden. Und das nicht nur, weil Rimsky-Korsakow seine Schüler einst recht eindringlich vor übermäßigem Schlagzeuggebrauch gewarnt hat. Es sind auch die geräuschhaft modernen Orchesterklänge der ersten Abendhälfte, die sich fundamental von Rimsky-Korsakows Schönklang-Ästhetik unterscheiden.

Philharmoniker in der Statistenrolle

Wobei „moderne Orchesterklänge“ eigentlich gar nicht zutrifft. Vor allem nicht im Falle von Peter Eötvös‘ Konzerts „Speaking Drums“ von 2013. Denn Eötvös hat hier eine frühexpressionistische Orchester-Klangkulisse komponiert. Eine Klangkulisse, die so oder ähnlich schon vor 90 Jahren entstanden sein könnte. Eine Klangkulisse aber auch, die den Philharmonikern eine klare Statistenrolle zuweist. Die Folge: Schlagzeugsolist Martin Grubinger hat vollkommen freie Bahn. Er kann sich austoben, wie er möchte – spielend, sprechend, singend, brüllend. Eötvös hat ihm das Konzert quasi auf den Leib komponiert. Inklusive zahlreicher Improvisationen, die Grubinger zur virtuosen Selbstdarstellung nutzen kann.

Eher Sport als Musik

Und kein Zweifel: Grubinger ist der geborene Entertainer. Ein Artist, der selbst keinen Hehl daraus macht, dass sein Wirken weniger mit Musik als viel mehr mit Sport zu tun hat. Und mit Zirkus. Wie ein Varieté-Theater im XXL-Format wirkt die Philharmonie in Grubingers Anwesenheit. Für die Orchestermusiker ergibt sich dabei aber auch noch ein anderes Problem: Neben Grubinger wirken die Schlagzeuger der Philharmoniker vergleichsweise statisch.

Wie eine Pflichtübung erscheint da Edgard Varèses „Intégrales“ für elf Bläser und vier Schlagzeuger zu Beginn – bevor ein quicklebendiger Grubinger den Saal stürmt und das Publikum in Verzückung versetzt. Es könnte allerdings auch an Dirigent Zubin Mehta liegen, dass sich die Philharmoniker an diesem Abend so auffällig zurückhalten.

Der Dirigent wirkt angeschlagen

Noch immer schwer gezeichnet wirkt der 82-jährige Mehta von seiner Schulter-Operation im November 2017. Das Podium kann er nur mit Gehstock und sehr vorsichtigen Schritten erreichen. Dirigieren muss er im Sitzen. Und seine Kräfte scheinen schließlich kaum für Rimsky-Korsakows‘ gesamte „Scheherazade“-Suite auszureichen, für jene bildergewaltige Musik nach Motiven aus den 1001 Nacht-Erzählungen. Die Philharmoniker jedenfalls wirken hier, als würden sie Tempo, Balance und Zusammenspiel zunächst weitgehend selbst organisieren. Ab der Mitte des dritten Satzes dann aber die große Erleichterung: Mehta erwacht plötzlich wie zu neuem Leben – und sorgt auf den letzten Metern doch noch für Schwung und Klangpracht.