Neuköllner Oper

„Die Fleisch“ an der Neuköllner Oper: Schicksal im Eiskäfig

Die Neuköllner Oper wagt sich an den Einakter „Ayamé“, den der japanische Komponist Kosaku Yamada 1931 schrieb.

Die erste Bühnenfassung von Kosaku Yamadas „Ayamé“ in Europa: „Die Fleisch" an der Neuköllner Oper

Die erste Bühnenfassung von Kosaku Yamadas „Ayamé“ in Europa: „Die Fleisch" an der Neuköllner Oper

Foto: MATTHIAS HEYDE / Matthias Heyde

Es beginnt schon lange, bevor die Vorstellung anfängt. Durch die Fenster in der Neuköllner Oper sieht man am Haus gegenüber auf einer Videowand weiße Gestalten langsame Rituale vollziehen. Dazu ertönt aus Lautsprechern Kosaku Yamadas in satten Farben schwelgende Orchestermusik. Man bekommt geheimnisvolle schwarze und weiße Chips, die das Publikum später teilen werden.

Vor zwei Jahren hat das Opernhaus Kosaku Yamadas bekannteste Oper „Kurofune“ erfolgreich wiederentdeckt. Der Komponist hat in Berlin bei Max Bruch studiert. Er gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Pionieren, die die westeuropäische klassische Musik in Japan einführten. Er schrieb nicht nur acht Opern, Orchesterwerke, Klavier- und Kammermusik. Er gründete auch die Japanische Musiktheater-Gesellschaft und die Japanische Symphonieorchester-Gesellschaft, aus der das NHK Symphony Orchestra hervorging. Der Komponist und Dirigent aus Tokio war ein unermüdlicher Brückenbauer zwischen den Kontinenten.

Drei Nummern kleiner

Die Neuköllner Oper macht nun zum zweiten Mal auf ihn aufmerksam. „Die Fleisch. Vier Rituale mit der Oper Ayamé“ nennt sich die Produktion. Yamada hat „Ayamé“ 1931 für die Pariser Oper geschrieben, doch die Aufführung kam nie zustande. Die Berliner Philharmoniker spielten sechs Jahre später eine Konzertsuite aus der Oper. Erst jetzt erklingt zum ersten Mal eine Bühnenfassung von „Ayamé“ in Europa. Natürlich drei Nummern kleiner als vom Komponisten erdacht. Die kleine Studiobühne der Neuköllner Oper bietet einen bescheidenen Rahmen, und das große Orchester ist wie immer auf wenige Instrumente reduziert.

Nach dem Tod von Ayamés hoch verschuldetem Vater muss das Mädchen im Bordell arbeiten, um die Schulden bezahlen und die Familienehre wiederherstellen zu können. Alle Versuche ihres Bräutigams, Ayamé zu retten, scheitern an ihrem strengen Ehrbegriff. Sie will nicht mit ihm fliehen, lieber sucht sie am Ende den Ausweg im Selbstmord. Die Bedeutung der Ehre, der rituelle Selbstmord – viele Motive in dieser Oper wirken japanisch. Gleichzeitig ist es ein veritabler Opernstoff. Die unmögliche Entscheidung zwischen Liebe und Pflicht als Thema und die Kurtisane als Opernpersonal sind uns aus vielen Opern bekannt. Nicht nur die Geschichte, auch Yamadas Musik schlägt einen Bogen zwischen West und Ost. Seine spätromantische Komposition ist mit japanischen Melodien angereichert.

Es klingt nach Walgesängen

Der Regisseur Fabian Gerhardt präsentiert eine sehr stilisierte Fassung mit einer Bühnenlandschaft aus Schneebergen und einem Eiskäfig. Auf zwei transparenten Leinwänden kommen einem die Gesichter der Darsteller beklemmend nah. Die Japanerin Yuri Mizobuchi, die schon in der „Kurofune“-Adaption des Hauses die Hauptrolle gespielt hat, gibt anrührend das leidende Geschöpf. Ihr Schluchzen im ersten Ritual erinnert an Walgesänge. Ihr Gesang wirkt zerbrechlich, und das ist nicht immer gewollt. Leider liegt die Partie zu hoch für ihre Stimme. Daniel Arnaldos umschwärmt seine Geliebte mit wachsender Verzweiflung, während Remo Tobias mit kühlem Bariton die schnöde Geschäftswelt repräsentiert. Markus Syperek hat aus der Partitur eine modern und originell klingende Kammerfassung für Tasteninstrumente, Saxophone und Cello gemacht. Der Abend ist kurz, aber durchaus intensiv. Er wirft immerhin die Frage auf, wie Yamadas Oper wohl im großen Rahmen wirken würde.