Konzertkritik

Ein ganz entspannt gespielter Mozart im Konzerthaus

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Matthias Nöther
Dirigierte im Konzerthaus: Andrew Parrott.

Dirigierte im Konzerthaus: Andrew Parrott.

Foto: Hiroyuki Ito / Getty Images

Der britische Dirigent Andrew Parrott zeigt mit dem Konzerthausorchester, wie die Musik für die Zeitgenossen geklungen hat.

Berlin.  Im Konzerthaus kann man erleben, dass die Ausübung des sogenannten „historisch informierten“ Musizierens, auch als historische Aufführungspraxis bekannt, nicht naseweis und altklug sein muss. Der britische Dirigent Andrew Parrott tritt mit dem Konzerthausorchester in kleiner Besetzung auf. Parrott, ehemaliger Chefdirigent der London Mozart Players und vor allem im Sektor der Frühklassik unterwegs, geht gleich in der Ouvertüre zu Mozarts „Idomeneo“ vieles auffällig entspannt an – so entspannt, dass man bei einigen Streicherpassagen zunächst an mangelnde Aufmerksamkeit der Musiker glaubt.

Doch das Publikum merkt bereits in den majestätischen und lieblichen Passagen dieses musikdramatisch gedachten Auszugs aus der exquisiten Mozart-Oper schnell: Parrott liebt es, die Musik ohne das straff-militärische, millimetergenau übereinanderliegende Zusammenspiel moderner Kulturorchester darzubieten. Die Holzbläser klingen ungewohnt frei, ohne über die Maßen strahlen meinen zu müssen, die Streicher können sich zurücklehnen, ohne dass gleich alles auseinanderfällt.

Die Stille schürt Aufmerksamkeit

Davon, dass all dies Absicht und Können zugleich ist, überzeugt man sich spätestens in Josef Haydns Sinfonie Nr. 69 C-Dur. Als echten Haydnschen Hinhörer inszeniert Parrott im ersten Satz eine Note der Geigen, die er wie ein etwas verrutschtes Glissando gleiten lässt – im lieblichen zweiten Satz ist es die immer wieder dazwischengeschaltete Stille, die Parrott als Aufmerksamkeitstrigger für die Hörer auskostet.

Höhepunkt des Abends ist das selten zu hörende Melodram „Medea“ des Mozart-Zeitgenossen Georg Anton Benda – ein Werk jener Gattung, in welcher zu Orchestermusik nicht gesungen, sondern gesprochen wird. Während im späten 19. Jahrhundert männliche Hoftheater-Schauspieler pathetisch deklamierten, waren die Stars im späten 18. Jahrhundert charismatische Schauspielerinnen, die auch als Opernsängerinnen Erfahrung hatten.

Ruth Rosenfeld spricht die Medea

Auch die prunkvoll goldschwarz gewandete Medea-Sprecherin Ruth Rosenfeld im Konzerthaus bräuchte, selbst ohne Mikrofon, eigentlich keine besondere Stimmstärke – schließlich erklangen die jeweils kurzen Passagen von Text und bekräftigender, beschreibender Musik in dieser ersten kurzen Blüte des Melodrams fast immer abwechselnd, nicht, wie später, gleichzeitig.

Bei der Musik handelt es sich um nichts psychologisch Aufpeitschendes wie in den Sinfonien Carl Philipp Emanuel Bachs aus der gleichen Zeit, sondern um einen etwas pauschalen Sturm-und-Drang-Stil. Die für die psychische Grenzsituation der unseligen Medea zu zahme Musik – wiewohl mit den vielen Unterbrechungen und Tempowechseln für das Konzerthausorchester eine Herausforderung – passt mit dem für antikisierendes Pathos recht unmittelbaren Darstellungsstil der Volksbühnenschauspielerin Rosenfeld nicht recht zusammen.