Berlinale

Wenn Filmpreise zum Spielzeug am Strand werden

Agnès Varda wurde mit einer Berlinale-Kamera ausgezeichnet.

Agnès Varda im Berlinale-Palast mit der Auszeichnung.

Agnès Varda im Berlinale-Palast mit der Auszeichnung.

Foto: Thomas Niedermueller / Getty Images

Gibt es das Gegenteil von „Mauer“? Für Agnès Varda schon: „Das Gegenteil einer Mauer ist der Strand“, sagt die 90-jährige Regisseurin in ihrem neuen Film „Varda par Agnès“, der im Wettbewerb außer Konkurrenz lief. Die große Pionierin der Nouvelle Vague („Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“) wurde am Mittwoch im Berlinale-Palast mit der Berlinale-Kamera ausgezeichnet, in einer Stadt also, wo die Mauer nur noch Erinnerung ist.

Dass die 1928 in Brüssel geborene und in der Provence aufgewachsene Regisseurin ihr Leben als Sammlung aus Stränden und Strandgut ansah, lag vor allem an ihrer großen Liebe, dem 1990 gestorbenen Regisseur Jacques Demy. Durch ihn entdeckte sie in den 60er-Jahren die Insel Noiremoutier vor der französischen Atlantikküste, sie wurde Vardas geografische Muse und zweite Heimat. Als sie 1990 „Jacquot de Nantes“ gedreht habe, eine Liebeserklärung an ihren sterbenden Mann, sei ihr etwas klar geworden: „Er hat sich alles gemerkt, und als er starb, wurde das Kino mein Gedächtnis.“

Die junge Fotografin legte ein erstaunliches Debüt hin

Ein Gedächtnis, in dem es sehr gesellig zugeht, denn ihr Talent, Künstlerfreundschaften zu knüpfen, ist legendär. Mit der Berlinale-Kamera zeichnen die Filmfestspiele seit 1986 Filmpersönlichkeiten oder Institutionen aus, „denen sie sich besonders verbunden fühlen und denen sie mit dieser Ehrung ihren Dank ausdrücken möchten“. Und wer je einen Film oder auch eine Kunstinstallation von Varda gesehen hat, wer hört, wie sie über ihre Arbeit, ihr Leben und ihre Freunde spricht, weiß, was es in ihrem Fall mit „besonderer Verbundenheit“ auf sich hat: Sie erfasst einen unmittelbar, egal ob man nun cineastisch versiert ist oder nicht. Weil Varda es schafft, unser aller vergehende Zeit beim Vergehen zu beobachten, auf eine spielerische, überraschende, freudige Weise.

Als junge Fotografin, die vom Kino keine Ahnung hatte, legte Varda 1955 ein Debüt hin, das die Filmwelt staunen ließ. Wobei das Verblüffendste an „La Pointe courte“ die Nonchalance war, mit der sie sich dieses tolle neue Spielzeug Film gegriffen hatte, und die Experimentierfreude, mit der sie seine Möglichkeiten erweitert hatte. Mit „La Pointe courte“ – ihr Cutter war der damals noch unbekannte Alain Resnais – schlug sie eine Filmsprache an, die richtungsweisend werden sollte für die Nouvelle Vague.

Zu ihren vielen Ehrungen gehört der Goldene Löwe (1985 für „Vogelfrei“) und 2015 die Goldene Palme für ihr Lebenswerk. Nun also noch eine Trophäe. Wer sieht, wie Varda in ihrem jetzt also in Berlin gezeigten Film „Varda par Agnès“ ihre Goldene Palme und den Löwen wie Spielzeug auf den Sand stellt, wo die nächste Welle sie vielleicht davonspült, könnte meinen, dass ihr solche Ehrengegenstände nicht allzu viel bedeuten. Aber der hätte auch nicht verstanden, dass sie alles zu ihrem Spielzeug macht, eben weil es das Größte und Wertvollste für sie ist.

Termine: Heute, 9.30 Uhr und 18 Uhr
Friedrichstadt-Palast; 14.2, 22.30 Uhr
International; 15.2., 21 Uhr City-Kino Wedding