Hans-Otto-Theater

Ein bisschen Rumgeknutsche

„Kabale und Liebe“ ist am Hans-Otto-Theater in Potsdam ins Heute verlegt worden.

Versuchsanordnung wie im Laborraum: Tobias Johannes Erasmus Rott inszeniert Schillers „Kabale und Liebe“ in Potsdam.

Versuchsanordnung wie im Laborraum: Tobias Johannes Erasmus Rott inszeniert Schillers „Kabale und Liebe“ in Potsdam.

Foto: HOT / Thomas M. Jauk

Berlin. Was für eine Nacht! Hoch am Himmel funkeln die Sterne ins Dunkel von Saal und Bühne. An der Rampe eine luftige Veranda, wo das Personal von „Kabale und Liebe“ entspannt tanzt zu Musik, die aus dem Weltall säuselt. Alles Leute von heute selig in der Schiller-Utopie der Götterfunkenfreude. Bald aber ist Schluss: Musik aus, Licht an, Sterne weg. Eine Wand klappt krachend herunter, macht die Veranda hinterrücks dicht, verwandelt sie in eine Box mit Nischen, wohin die Traumtänzer sich drängen. Verängstigt, brutal breitbeinig, lüstern durchtrieben. Die Gesellschaft sortiert sich. Das Trauerspiel kann anheben in diesem Guckkasten, ganz in Weiß. Wie ein Labor zur Demonstration des Zusammenpralls von oben und unten, Moral und Gesetzlosigkeit, Gut und Böse.

Über solche Gegensätze kommt die Liebe idealischer Teenager nicht hinweg. Die Bürgerstochter Luise und der adlige Ferdinand scheitern. An den Grenzen ihres Standes, an den Grenzen ihrer Liebe, die durch Kabale von oben, durch terroristisches Intrigentum derart verengt werden, bis es zum Todestrunk kommt durch vergiftete Limonade.

Was da unserem just 23 Jahre alten, stürmenden und drängenden Nationaldichter 1782 mit pathetischer Sprachwucht aus der Feder quoll, dieses ketzerische Rütteln an absolutistischen Machtansprüchen gegenüber einem drangsalierten Bürgertum, mag heutzutage historisch sein, obgleich wir ähnliche Konfliktlagen kennen. Für immer spannend an diesem Klassiker bleibt der Clinch komplexer Charaktere. Dazu die Gefangenschaft der romantisch Liebenden im Diktat des Patriarchats. Über ihre wie auch immer geartete Liebe zu den Vätern kommen sie nicht hinweg. Jugendrevolte findet nicht statt. Kein „Vatermord“. Stattdessen in Verzweiflung die letale Limonade.

Und genau das, dieses Scheitern in Wehrlosigkeit, stellt Regisseur Tobias Johannes Erasmus Rott aus wie in einer Versuchsanordnung im klinischen Laborraum (Ausstattung: Susanne Füller). Schon das schluffige Outfit der Liebenden (Hannes Schumacher im Parka, Lara Feith im Schlabberpulli) signalisiert wenig Widerständigkeit. Und das bisschen Rumgeknutsche zeugt kaum von lodernden Gefühlen.

Interessanter hingegen die Papas, die auf ihre Macht pochen. Folglich kommen beide in grauen Anzügen daher, wobei Musikus Miller (Andreas Spaniol) zu erregteren Wutanfällen fähig ist als sein Gegner, der hübsch aufstampft, dann aber erstaunlich dämlich dreinschaut als Präsident (Jörg Dathe). Die seelisch gemarterte Mätresse Milford (Nadine Nollau) stellt eher die Hysterikerin aus als die Leidende. Auffällig unauffällig der Intrigen-Dreher Wurm (Jonas Gätziger), ein Biedermann im Staubmäntelchen.

Und so beobachten wir das Abschnurren von Schändlichkeiten im In­trigenstadel, das aussehen soll wie eines von nebenan. Das ist es aber nicht, schon wegen Schillers Rhetorik, die aber im hier blassen Panoptikum der Täter und Opfer wie abgespult wirkt. So geht kein Schiller-Thriller, so geht eine übersichtliche Versuchsanordnung brav nach Schiller.

Also Schiller pur. Gut gemeint, aber es packt nicht. Schon, weil dessen Sprachartistik eben nicht von jetzt ist. Sie verlangt theatralisch Distanz. Anbiederei ans Heute schwächt Intensität wie Gegenwärtigkeit. Dem feinen poetisch-utopischen Anfang folgt keine Tragödie, sondern bloß Ränkespiel.