Festsaal Kreuzberg

Die Türen - Ein Fest der Deutschpopintelligenzija

Die Türen machen das, was man gemeinhin Diskurs-Pop nennt. Das funktioniert im Festsaal Kreuzberg hervorragend.

Die Türen machen Extrem-Pop für Menschen, die gerne denken.

Die Türen machen Extrem-Pop für Menschen, die gerne denken.

Foto: Franziska Sinn

Berlin. Wer demnächst jemanden in einem rosa T-Shirt mit großflächigem Goldlogo bzw. mit einem ebenso gestalteten Jutebeutel durch die Stadt laufen sieht, der hat nicht die aktuellen Farben der Saison oder einen neuen Modetrend ausgemacht. Es wird einfach ein Fan von Die Türen sein. Der 2002 gegründeten Formation um Maurice Summen, der auf dem Label Staatsakt nicht nur die eigene Band, sondern von Stereo Total über Mediengruppe Telekommander bis zu Isolation Berlin viele weitere herausbrachte.

Abgesehen von alten und neuen Platten hängen besagte T-Shirts und Jutebeutel am Sonnabend als so ziemlich einzige Fanartikel am Merchandisestand im Festsaal Kreuzberg, wo die Türen das Erscheinen ihres neuesten Albums Exoterik feiern. Schweinchenrosa mit Goldglitzer, schön ist das natürlich nicht. Aber es fällt auf. Die Fanartikelauslage ist damit die konsequente Fortführung der Türen-Musik mit den Mitteln des Designs.

Was machen die Türen? Extrem-Pop wurde es genannt. Sägende Synthies, stumpfe Bässe, hart durchgreifendes Schlagwerk, vieles erledigt der Rechner. Eine Mischung aus Kraftwerk, Neuer Deutscher Welle und Industrial. Elektropunk vielleicht. Doch halt, zum Punk gehören Protest und Angriff, offene Mittelstandsfeindlichkeit. Das wiederum fehlt den Türen, sie sind ja auch selbst dieser Mittelstand.

Sicher, die Schlagworte und Themen sind da. Welcher Popsänger erwähnt schon Heiko Maas auf der Bühne, singt von sozialen Unterschieden oder der Selbstverständlichkeit deutscher Nazis. Die Türen sind keine Dummbrote, schmeicheln dem Intellekt ihrer Hörer. Perspektiven aufzeigen, Änderungen einfordern wollen sie allerdings nicht.

Der Auftakt hat viel von einer Kunstperformance

Wenn in „Information“ ewiglich der Satz „Gib mir deine Information“ wiederholt wird, versteht jeder die aktuellen Bezüge. Aber das war’s dann auch. Ein zentrales Stück vom neuen Album wie „Miete, Strom, Gas“ bringt tatsächlich seinen gesamten Text bereits im Titel unter. In den drei Worten steckt gehöriges Assoziationspotenzial, aber beschäftigen muss man sich damit allein. Die Türen benennen höchstens, wirklich sagen tun sie nichts. Vielleicht ist es auch gar nicht ihre Absicht.

Musik, die das Herz erwärmt, ist das nicht. Sie ist eher ein Statement. Kunst. Tatsächlich hat der Auftritt viel von einer Kunstperformance. So etwas schaut man sich an. Logisch, dass praktisch gar nicht getanzt wird. Zu den Türen tanzt man nicht, man ist anwesend. Das genügt völlig, um einen aus der grauen Masse von Rezipienten billigen Mainstreampops herauszuheben. Schließlich bringt hier noch jemand ein Dreifachalbum auf Vinyl heraus und gönnt sich ausgewalzte Instrumentalpassagen.

Live wird alles ist mit „Visuals“ unterlegt, hektisch geschnittenen und im Grunde nervigen Videos, die den absurden Dilettantismus perfektionieren. In eine Art hellen Schlafanzug gekleidet spult Frontmann Summen dazu arg einstudiert wirkende roboterhafte Gesten ab, dirigiert ruckartig die vier anderen Musiker und gibt sich alle Mühe, recht freakig zu wirken. Seine Stimme taugt nicht ansatzweise zum Singen, aber das spielt bei dieser Art Performance wirklich keine Rolle. Die anwesende Deutschpopintelligenzija jedenfalls hat daran ihren Narren gefressen und genießt einen gelungenen Abend.

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