Konzert

Alexander Melnikov: ein Ritt durch 245 Jahre Musikgeschichte

Pianist Alexander Melnikov spielte im Pierre Boulez Saal Stücke von Bach, Chopin und Mendelsohn - und künstlerisches Scheitern ist programmiert.

Das Gebäude der Barenboim-Said Akademie mit dem Pierre Boulez Saal

Das Gebäude der Barenboim-Said Akademie mit dem Pierre Boulez Saal

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Mitte. Sieben Komponisten im Gepäck, die Gattung „Fantasie“ als roter Faden und dann noch ein viermaliger Instrumentenwechsel. Wahrlich viel hat sich der Pianist Alexander Melnikov für sein Solo-Debüt im Pierre Boulez Saal vorgenommen.

So viel, dass man schon von einem unmöglichen Klavierabend sprechen könnte. Denn das künstlerische Scheitern ist hier gleichsam programmiert – und das in mehrfacher Hinsicht. Zunächst sind da die fünf sehr verschiedenen Tasteninstrumente, die Melnikov aus eigener Sammlung mitgebracht hat. Cembalo und Hammerklavier, romantische Flügel von Graf und Érard, gefolgt vom modernen Steinway. Instrumente also, die sich in Klang und Spielweise, Tastengröße und technischer Zuverlässigkeit stark unterscheiden. Instrumente, die mitunter launisch reagieren, wenn sich ein Pianist nicht optimal auf sie einstellt.

Bei Melnikov nun hat man den Eindruck, dass er sich den historischen Instrumenten vor allem als Liebhaber nähert, dem modernen Steinway dagegen als Profi. Gepflegte Routine lässt Melnikov zu Beginn bei Johann Sebastian Bachs Chromatischer Fantasie und Fuge in d-Moll BWV 903 auf dem Cembalo walten, Chopins f-Moll-Fantasie op. 49 dagegen schüttelt er auf dem Érard-Flügel unter viel Tastendonner und Pedalnebel aus dem Ärmel.

Spätestens hier wird klar: Die Komponisten passen an diesem Abend zwar durchweg zu den jeweiligen Instrumenten, doch der Interpret selbst passt nicht immer zu den Komponisten. Denn zweifellos sind Chopin und Érard-Flügel für sich genommen eine historisch sinnvolle Kombination. Auch Mendelssohn auf einem restaurierten Graf-Flügel kann durchaus reizvoll sein.

Melnikov allerdings eilt über Mendelssohns fis-Moll-Fantasie op. 28 so beiläufig hinweg, dass man ins Grübeln gerät: Liegen Melnikovs große Qualitäten nicht doch eher in der Duo-Kammermusik, als Partner der Geigerin Isabelle Faust? Aber dann ist da plötzlich die betörend lebendige fis-Moll-Fantasie von Carl Philipp Emanuel Bach, eine Wundertüte an harmonischen Überraschungen und intimer Farbwechsel. Und ebenfalls recht überzeugend: der heftige intellektuelle Rausch, den Melnikov bei Skrjabin und Schnittke entfesselt – auf dem Steinway endlich, Melnikovs Leib- und-Magen-Instrument.

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