Theater

„Ein Bericht für eine Akademie“ am Gorki neu inszeniert

Ein starker Abend: Oliver Frljic die Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka inszeniert

Svenja Liesau, Aram Tafreshian, Jonas Dassler und Lea Draeger (v.l.) im Maxim Gorki Theater

Svenja Liesau, Aram Tafreshian, Jonas Dassler und Lea Draeger (v.l.) im Maxim Gorki Theater

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Mitte. Ein Affenhaus!

Kaiser Wilhelm II. soll den Reichstag so genannt haben. Nun, im Gorki Theater, wird ein Bild daraus: Während Rotpeter, der Mensch gewordene Affe, als Abgeordneter in seiner ersten Rede mehr Migration fordert, sitzt ihm gegenüber in einem goldenen Reichstags-Käfig ein echter Pavian. Rotpeter steckt im eleganten Anzug und argumentiert wirtschaftsliberal für Migration, weil jeder Euro, der in Geflüchtete investiert wird, 100 Prozent Rendite erwirtschafte.

Was erzählt uns diese Situation? Dass Rotpeter, selbst Migrant aus Afrika, der vernünftigste aller Abgeordneten ist? Dass er seine eigene brutale Herkunftsgeschichte ignoriert? Dass er der einzige Mensch ist unter lauter Tieren? Oder dass er immer das Tier im Menschengewand bleiben wird, weil die Gesellschaft ihn nie als den ihren akzeptieren wird? Gerade dass sich dieser Moment nicht ohne Weiteres entschlüsseln lässt, macht ihn und den ganzen Abend so stark.

Am Maxim Gorki Theater hat Oliver Frljić jetzt Franz Kafkas Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ inszeniert. Der Text über die Menschwerdung eines Affen in einer unmenschlichen Umgebung ist relativ häufig auf deutschen Bühnen zu sehen. Eindrücklich schildert er eine Gesellschaft, die Neuankömmlinge und Außenseiter nicht in seine Reihen lässt, eine vollständige Inklusion einerseits fordert, andererseits verhindert. Oft wird der „Bericht“ als Parabel auf die scheiternde jüdische Assimilation gelesen. Aber er funktioniert auch für jede andere Minderheit.

Ein provokanter Vergleich mit Vernichtungslagern

Frljić weitet noch einmal den Blick, nimmt mit Ausschnitten aus J.M. Coetzees „Elisabeth Costello“ auch die Rechte der Tiere in den Blick. Dass er Sesede Terziyan zu Beginn die Tierschlachtfabriken mit den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten vergleichen lässt, ist natürlich pure Provokation des versierten Provokateurs, die das Publikum gleich zu Beginn in Wallung bringen soll. Seine Inszenierungen werden immer wieder angefeindet, in Bosnien, Kroatien und Polen zensiert und verboten. Sein Berliner Abend „Gorki – Alternative für Deutschland?“ strotzte vor bösen Zumutungen, verlor dann aber den Faden.

Das passiert dem „Bericht“ trotz vieler Volten und Details nicht, macht stattdessen Lust aufs Mitdenken. Kafkas „Bericht“ umfasst, auch wenn man alle Rotpeter-Fragmente hinzunimmt, keine 20 Seiten. Aber mit Material aus weiteren Erzählungen und Briefen, mit geschickten Eingriffen und Umstellungen gewinnen Frljić und seine Dramaturgin Johanna Höhmann einen Zwei­stünder, der die Menschwerdung Rotpeters als eine Geschichte der Entmenschlichung erzählt. Und nebenbei zu einem Triumph der Schauspielkunst wird.

Denn Rotpeter ist Jonas Dassler. Schon vor Beginn sitzt er im schweren Clubsessel und seriösen Dreiteiler wie ein Privatgelehrter auf der Bühne und saugt an seiner Pfeife. Hinter ihm hebt sich bald der Eiserne Vorhang, zeigt eine riesige Bücherwand, die sich später noch als riesiges Käfiggitter erweisen wird. Hier fallen bald die anderen ein als Vertreter der Zivilisation mit Schirm und Melone, drangsalieren ihn, fesseln und halten ihn, stopfen ihm den Mund mit Bananen voll, bis er ganz wild aussieht.

Wenig später nimmt Svenja Liesau sich seiner als Lehrer an. Aber je mehr Rotpeter erkennt, dass die Schwelle der Zivilisation schwer bewacht wird und Bildung vor allem dazu dient, Menschen voneinander zu trennen, desto genauer argumentiert er, bis sein Lehrer wahnsinnig wird. Stärker in die Enge treibt ihn Lea Draegers Josefine, Tochter seines Entführers Hagenbeck: Sie reißt ihm mit der Frage „Haben Sie Angst vor Juden?“ die Kleider vom Leib, um seine Wunden zu sehen, macht ihn zum Sexobjekt. Großartig, wie Dassler sich da an nackt an die Wand pinnen lässt wie ein hilfloser Schmetterling!

Das ist so toll gespielt wie die Begegnung zwischen Dasslers Rotpeter und seinem Autor Franz Kafka, dem Mehmet Ateşçi eine strenge, ein wenig staunende Aura verleiht. Gemeinsam diskutieren sie die Grenzen der Interpretation: „Das Echo des Unerzählten ist das, was mich interessiert.“ Groß auch Aram Tafreshian, der einmal als Hagenbeck nackt durchs Publikum jagt und in seinem Zivilisations-Furor alle zivilisatorischen Standards reißt. Oder der Moment, in dem Dasslers Rotpeter dem echten Pavian beichtet.

Nicht alle diese Suchbewegungen gehen auf, nicht jeder Ansatz trägt. Dennoch ist Frljićs „Bericht“ ein spannendes, fruchtbares Nachdenken über Kafka und seine Texte, über Zivilisation und Gesellschaft. Und nicht zuletzt über die komplexe, uneindeutige Macht der Fiktion.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, Karten 20 221-115. Nächste Termine: 21. Februar, 7. und 30. März

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