Uraufführung

Neuköllner Oper zeigt „Elfie“ nach Tankred Dorst

Die Uraufführung soll Autor Tankred Dorst ein Denkmal setzen. Der Anspruch ist hoch und die Bemühung groß.

Tankred Dorst.

Tankred Dorst.

Foto: M. Lengemann

Berlin. Das Bühnenbild ist der Star. Man betritt den Saal der Neuköllner Oper und staunt. Alles ist umgebaut. In der Mitte flitzt eine Modelleisenbahn durch eine Kleinstadt. Alles sehr idyllisch, aber der Stadtplatz ist kohleschwarz: verbrannte Erde. Die Besucher kommen, gucken, fotografieren. Dann nehmen sie um die Bahnstrecke herum Platz. Auf allen Wänden sind Videos zu sehen. Die Darsteller sind überall und nirgends, in der Spielzeugstadt, zwischen den Zuhörern, in den vier Ecken des Raums, in der Garderobe oder in der Versenkung.

Manchmal steht ein Sänger direkt vor einem und lässt seinen volltönenden Bariton erklingen. Das muss sich für die Sänger seltsam anfühlen, für die Besucher auf jeden Fall auch. Aber das Zuviel an Nähe ist künstlerisch gewollt. Schließlich handelt „Elfie“ von der erdrückenden, engen Kleinstadtordnung. Elfie ist die wilde, ungezähmte Gattin des Lehrers, die ungehemmt das Leben und die Liebe ausprobiert und damit die Sittenwächter auf den Plan ruft. „Wenn man sie nur bessern könnte“, sagt ihre Mutter zu ihrem ratlosen Mann.

Der Text stammt von dem Dramatiker Tankred Dorst, der im vergangenen Sommer gestorben ist. In der Neuköllner Oper saß er oft im Publikum. Theaterleiter Bernhard Glocksin war mit ihm befreundet, und so kam es, dass Tankred Dorst ihm eines Tages einen halb vergessenen Text in die Hände drückte: das nie verfilmte Drehbuch „Eine Mordgeschichte“ von 1988. Die Neuköllner Oper machte eine Oper daraus. Die Uraufführung soll dem Freund und Autor nun ein Denkmal setzen.

Der Anspruch ist hoch und die Bemühung groß. Die Schauspielerin Inka Löwendorf ist ein temperamentvoller Wildfang, aber sie leidet auch darunter, dass sie ihren Mann unglücklich macht. Mit wandlungsfähigem Bariton stemmt sich Clemens Gnad als Lehrer gegen den Untergang seiner Ehe. Angst lässt ihn ins Falsett fallen. Sie spricht, er singt. Das macht die Kluft zwischen den Beiden überdeutlich. Auch Guido Kleineidam als verschrobener Musikkritiker und Jana Degebrodt als bigotte Chirurgengattin überzeugen. Der Komponist Wolfgang Böhmer wildert fröhlich in allen Stilsphären, wechselt je nach den Inhalten zwischen Neuer Musik und Musical, Volksmusik und Barjazz. Das kleine Orchester unter Oliver Imig ist mit kratzbürstigen Streichern und virtuoser Klarinette gut aufgelegt. Auch die Videos mit Puppen und Menschen gefallen. Trotzdem gibt es in Martin G. Bergers Regiearbeit kaum einen Moment, der wirklich berührt.

„Elfie“. Musiktheater nach „Eine Mordgeschichte“ von Tankred Dorst. Neuköllner Oper, Karl-Marx-Straße 131, bis 3. März