100 Jahre Bauhaus

Berliner Museum zeigt Kratzer am Mythos Bauhaus

Von Arts and Crafts zum Bauhaus: Das Bröhan-Museum in Charlottenburg beleuchtet das Ringen um den Stil der Moderne.

Feiert noch den Jugendstil: Das Plakat „Little Red Riding Hood“ stammt aus dem Jahr 1898.

Feiert noch den Jugendstil: Das Plakat „Little Red Riding Hood“ stammt aus dem Jahr 1898.

Foto: Sebastian Stöhr / Bröhan Museum

Dieses Jahr feiert das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus sein 100-jähriges Bestehen und wird als Ikone und Ausgangspunkt für die Moderne angesehen. Ein Missverständnis, wie die Ausstellung im Bröhan-Museum zeigt. „Im Jahr des großen Bauhaus-Jubiläums besteht die Gefahr, dass das Bauhaus zum alleinigen Wegbereiter der Moderne stilisiert wird“, sagt Tobias Hoffmann, Direktor des Bröhan-Museums. „Aber die Entwicklung dahin setzt schon viel früher ein. Wir zeigen, wie sich das Bauhaus in eine schon lange bestehende Diskussion einklinkt und dort um eine eigene Position ringt.“

In einer großen Schau mit rund 300 Objekten, darunter Möbel, Metallkunst, Keramiken, Grafikdesign und Gemälde, veranschaulicht die Ausstellung wesentliche Schritte der Designentwicklung bis zum Bauhaus in Weimar und Dessau. Die Diskussionen, die zur Entwicklung des Bauhaus-Stils führten, nahmen bereits 50 Jahre zuvor in England ihren Anfang. Auslöser dafür war die dort früh einsetzende Industrialisierung und die Öffnung Japans 1853, die erstmals japanisches Kunsthandwerk als Handelware nach Europa brachte. Die Schlichtheit, Funktionalität und Eleganz japanischer Objekte beeinflusste englische Designer wie Edward William Godwin oder Christopher Dresser.

Die ersten Produkte des frühen Bauhauses wirken dagegen wenig modern, denn hier war weniger die Industrie das Vorbild als das Handwerk und eine am Mittelalter orientierte Formensprache. Das frühe Bauhaus war deutlich von der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung inspiriert, die in England zwischen 1870 und 1920 ihre Blütezeit hatte. Ihr Begründer war der Künstler William Morris. Er kritisierte die Industrialisierung und strebte eine Einheit von Kunst und Handwerk an. Bereits er orientierte sich am Mittelalter, griff rustikale Formen auf und übersetzte sie in seine Zeit.

Funktionalität und indus­trielle Produktion standen an erster Stelle

Überall in England bildeten sich Arts-and-Crafts-Zentren, an denen Künstler mit Handwerkern Alltagsgegenstände entwickelten: Stühle, Möbel, Tapeten, Wandbehänge und vieles mehr. 1959/60 erbaute Morris in der Nähe von London das Red House, das er nach seinen Ideen ausstattete. Es galt später als Ausgangspunkt für die Idee des Gesamtkunstwerks.

In Nordengland und besonders im industriellen Glasgow griff man diesen Gedanken auf: Es sollten Innenräume in einheitlichem Stil entworfen werden als eine Art begehbares Kunstwerk. Davon zeugen die schlichten Möbel­ensembles von Baillie Scott oder der von Charles Rennie Mackintosh konzipierte Teeraum mit den auffälligen Hochlehnenstühlen.

Der „Glasgow Style“ traf wiederum in Wien im Kreis um Josef Hoffmann auf fruchtbaren Boden. Hoffmann war um 1897 Mitbegründer der Wiener Secession und rief 1903 mit anderen die Wiener Werkstätten ins Leben. Er und seine Kollegen suchten nach neuen Formen für eine neue Zeit. Sie sollten funktional und geometrisch, maschinengerecht und möglichst ornamentlos sein. Sein Gegenspieler war Alfred Loos, der den Gedanken des Gesamtkunstwerks ablehnte, sich traditionsbewusst an vergangenen Epochen orientierte und diese Formensprache in seine Zeit übertrug.

In Deutschland prägen Architekten wie Alfred Grenander und Peter Behrens Anfang des 20. Jahrhunderts die Diskussion. Funktionalität und indus­trielle Produktion standen bei ihren Möbelentwürfen an erster Stelle, ebenso wie die Anwendung geometrischer Formen und die Gestaltung ganzer Raumkonzepte aus einem Guss. Davon ließ sich auch der 1907 gegründete Werkbund leiten. Kunst und Industrie arbeiteten Hand in Hand und ebneten den Weg zum modernen Industriedesign. Behrens gestaltete Produkte für AEG, Lucian Bernhard entwarf Werbeplakate für die Zigarettenfirma Manoli.

Das Bauhaus wird zur ersten Design-Hochschule

Das frühe Bauhaus mit seinen am Mittelalter geschulten Entwürfen wirkt da eher rückschrittlich. Der Modernisierungsschub kam erst mit der aus Holland stammenden De-Stijl-Bewegung, die seit 1917 rund um Theo van Doesburg nach einen ultimativen Stil der Moderne suchte, nach der idealen Ästhetik für das Maschinenzeitalter. Die Primärfarben Rot, Gelb und Blau und geometrische Grundformen wie Kreis, Quadrat und Dreieck prägten ihren Stil.

1922 hielt Theo van Doesburg seinen ersten externen De-Stijl-Kurs ausgerechnet in Weimar ab, direkt vor der Nase von Direktor Walter Gropius und seinem Bauhaus. Der reagierte schnell und holte 1923 als Gegenspieler den ungarischen Konstruktivisten László Moholy-Nagy ans Bauhaus. In seiner Metallklasse entstanden die Bauhaus-Ikonen: die elegante Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld und Carl Jakob Juckers, die formschönen Gefäße von Marianne Brandt und die modernen Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer. Der Bauhausstil war geboren, indus­trietauglich war er jedoch nicht. Nach dem Umzug nach Dessau entstanden in Anlehnung an Morris’ Red House weitere Ikonen im Bauhausstil: die Meisterhäuser.

Erst in einer dritten Phase ab 1928 gelang dem Bauhaus unter dem neuen Direktor Hannes Meyer die Zusammenarbeit mit der Industrie. Die Entwürfe wurden sachlicher, funktionaler und weniger spektakulär. Das Bauhaus wurde als Hochschule für Gestaltung zur ersten Design-Hochschule in Deutschland.

Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg. Tel.: 32690600. Di.–So. 10–18 Uhr sowie an allen Feiertagen, bis 5. Mai. Katalog 40,00 Euro.

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