Film

Mein Sohn und die Drogen: „Beautiful Boy“

Ein Thema von großer Aktualität: „Beautiful Boy“ ist ein beklemmendes, stark gespieltes Drama um die Drogensucht eines Jugendlichen.

Vater David (Steve Carrell) ist verzweifelt. Er kommt nicht mehr an seinen drogensüchtigen Sohn Nic (Timothée Chalamet) heran

Vater David (Steve Carrell) ist verzweifelt. Er kommt nicht mehr an seinen drogensüchtigen Sohn Nic (Timothée Chalamet) heran

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Er hat schon so viel für seinen Sohn getan. Ging immer wieder auf die Suche nach ihm, wenn der über Tage verschwunden war. Hat ihn zur Therapie gebracht. Hat selbst eine Beratungsstelle aufgesucht. Macht sich Vorwürfe, dass er einmal mit ihm gekifft und ihn dadurch womöglich zum Drogenkonsum verleitet hat. Und schreibt ein Tagebuch über seine Erfahrungen, weil Schreiben für den Journalisten die beste Art ist, die Drogensucht des Sohns zu verarbeiten.

Aber dann kommt ein Moment, bei dem der Zuschauer den Atem anhält: wenn auch der Vater einmal ganz bewusst Drogen ausprobiert. Weil sein Sohn wiederholt meinte, er wisse ja gar nicht, wie das sei, er könne deshalb gar nicht mitreden, greift er selbst zu Crystal Meth. Ein schmerzlicher, verzweifelter – und unterträglicher Moment.

Der zweite von gleich drei Filmen zum Thema

Drogensucht ist in den USA ein brandheißes Thema. Man spricht bereits von einer Opioid-Epidemie und den „betäubten Staaten von Amerika“. Drogen sind die Todesursache Nr. 1 für Amerikaner unter 50 Jahren. Im Kino war das allzulange kein Thema. Jetzt wird es, seltsam genug, in kürzester Zeit gleich in drei Filmen aufgearbeitet. Erst vor zwei Wochen lief „Ben is back“ an, am 7. März folgt „White Boy Rick“. Dazwischen startet nun „Beautiful Boy“.

Eine wahre Geschichte, die gleich auf zwei Büchern basiert. Dem Erfahrungsbericht des „Rolling Stone“­-Journalisten David Sheff über die Sucht seines Sohns und dessen Buch-Antwort „Tweak“, die beide in den USA Bestseller wurden. Nun hat sie der Belgier Felix van Groeningen adaptiert, der damit seinen ersten US-Film vorlegt, sich aber schon früher (in „Die Beschissenheit der Dinge“ und „Broken Cylce“) mit Drogensucht auseinandergesetzt hat.

„Beautiful Boy“ spielt eben nicht in den Slums, auf die man das Thema lange glaubte einengen zu können. Sondern in der gehobenen Mittelschicht. Vater Sheff (Steve Carrell) bietet seinen Kindern ein Leben in Sicherheit, eigentlich das schon Klischee gewordene Familienidyll mit großem Garten. Und er und seine zweite Frau erweisen sich als offene und aufgeklärte Eltern. Sohn Nic (Timothée Chalamet) hat eigentlich alles, was er sich wünschen könnte. Ist begabt, würde von jedem College genommen werden, für das er sich bewirbt. Aber immer wieder stürzt er ab, hat er sich langsam von Zigaretten und Alkohol über LSD und Marihuana bis zu Heroin und Crystal Meth in immer tiefere Abgründe und Abhängigkeiten begeben.

Das ist bedrückend inszeniert und hervorragend gespielt, allen voran von dem 23-jährigen Timothée Chalamet, der erst vergangenes Jahr für „Call Me By Your Name“ für einen Oscar ­nominiert war und die Schauspiel-Achterbahn vom Rausch bis zum Turkey quälend nachvollziehbar macht. Aber auch Steve Carrell, der lange bloß auf komödiantische Rollen festgelegt war, beweist sich hier erneut auch im dramatischen Fach. Das Miteinander dieser beiden, die immerzu Angst haben, sich gegenseitig zu enttäuschen, geht zu Herzen und lässt den Film lange nachwirken.

Aber es bleibt der Umstand, dass „Ben is back“ noch im Kino läuft. Ein Vergleich drängt sich geradezu auf. Dort ist es eine Mutter, gespielt von Julia Roberts, die um ihren Sohn kämpft. Die geht freilich noch weiter, weil sie auf der Suche nach ihm selbst in der Drogenszene landet und dort schreckliche Einblicke gewinnt, die sie gar nicht machen wollte.

Dagegen wirkt „Beautiful Boy“ ein wenig glatter. Und in der ganzen Drastik wollte der Regisseur die Ausmaße von Crystal Meth und was die Droge physisch mit einem macht, wohl doch nicht zeigen. Als wolle man das Zielpublikum, besagte Mittelschicht, eben doch nicht ganz verschrecken. Das nimmt dem Film ein wenig von seiner Wucht. Wichtig bleibt er dennoch. Und um vor Drogen zu warnen, kann es gar nicht genug Filme geben.

Drama USA 2018 121 min., von Felix Van Groeningen, mit Steve Carell, Timothée Chalamet, Maury Tierney