Ausstellung in Berlin

Jüdische Gemeinde kritisiert Leitung des Jüdischen Museums

Das Verhältnis zwischen Jüdischer Gemeinde und Jüdischem Museum ist kompliziert. Anlass ist die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“.

Markante Architektur: Das Jüdische Museum an der Lindenstraße in Kreuzberg.

Markante Architektur: Das Jüdische Museum an der Lindenstraße in Kreuzberg.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ingo Schulz / picture alliance / imageBROKER

Berlin. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin übt deutliche Kritik an der Leitung des Jüdischen Museums. Anlass sind die laufende Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ und Äußerungen des Museumsdirektors Peter Schäfer.

Die Ausstellung versucht, Jerusalem aus Sicht der drei Religionen Islam, Christentum und Judentum zu beleuchten. Die Kritik: Jüdische Perspektiven würden ausgerechnet im Jüdischen Museum nicht ausreichend berücksichtigt. „Das Jüdische Museum sollte in erster Linie jüdische Perspektiven darstellen, mit all ihren Diversitäten und Widersprüchlichkeiten“, sagt Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Er begrüße den Ansatz, jüdische, christliche und muslimische Per­spektiven auf die Stadt vorzustellen. „Nur ist sehr zu bedauern, dass durch systematisches Weglassen das Bild verzerrt wird“, so der Gemeinde-Vertreter. In der Ausstellung hätten ausschließlich arabische Positionen einen „verständnisvollen Unterton“.

Das Museum teilt dazu mit: „Thema der Ausstellung ist nicht der israelisch-palästinensische Konflikt und der Alleinvertretungsanspruch Israels auf Jerusalem, auch wenn diese Kritiker es gerne so hätten.“

Eine pikante Debatte zum 20-jährigen Bestehen

Der Streit ist pikant, da das Haus in Kreuzberg als herausragende Institution der deutschen Museumslandschaft gilt. Der zickzackförmige Bau des jüdischen Architekten Daniel Libeskind ist ein Berliner Wahrzeichen. Die Kritik fällt ausgerechnet auf einen historischen Tag: Vor 20 Jahren erhielt Gründungsdirektor W. Michael Blumenthal den symbolischen Schlüssel für den Bau.

Sigmount Königsberg ist mit seiner Kritik nicht allein. In der Jüdischen Gemeinde rumort es seit Längerem wegen des Museums. Außerdem hatte bereits im Dezember 2018 ein Brief von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu für Debatten gesorgt. Er warf dem Museum vor, „antiisraelische Aktivitäten“ zu unterstützen, vor allem die Bewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS), die zum Boykott von Israel aufruft und deren Vertreter mit antisemitischen Positionen auffallen.

Deshalb forderte Netanjahu, die Förderung für das Museum solle eingestellt werden. Eine Sprecherin wies die Kritik schon damals zurück: Man sei der Meinung, dass auch kontroverse Sichtweisen gehört werden müssten. Dass eine Position im Jüdischen Museum geäußert werde, „bedeutet nicht, dass das Museum diesen Ansichten zustimmt“.

„Der Wind ist rauer geworden, nicht nur vonseiten der israelischen Regierung“

Jetzt spitzt sich der Konflikt weiter zu. Der Anlass: Vergangene Woche äußerte sich Museumsdirektor Peter Schäfer gegenüber dem ZDF erneut zur Kritik von Netanjahu. „Der Wind ist rauer geworden, nicht nur vonseiten der israelischen Regierung“, sagte Schäfer in dem Beitrag. Er ergänzte, dass die Kritik auch aus Kreisen komme, die Netanjahu nahestünden. Diese wollten, „dass die Politik dieser Regierung auch in einem jüdischen Museum in Deutschland verwirklicht werden müsse“.

Königsberg dazu: „Kritik an der Ausstellung wurde vom Jüdischen Museum ignoriert oder Kritiker als Handlanger Netanjahus dargestellt – das ist ein Unding.“ Auch der ehemalige Grünen-Abgeordnete und Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe, Volker Beck, teilt diese Position. Die Forderung von Ministerpräsident Netanjahu, dem Museum nun die Fördermittel zu kürzen, hält Beck für „Quatsch“. Aber der Versuch der Einrichtung, Kritikern eine Nähe zu Netanjahu zu unterstellen, sei „einer wissenschaftlichen Institution unwürdig“.

Beck teilt auch die inhaltliche Kritik an der Ausstellung. Israel erscheine in der Ausstellung als Aggressor. „Es wird behauptet, Israel hätte 1967 anlasslos Ost-Jerusalem erobert“, so Beck. Der Vormarsch der ägyptischen Armee, der jordanische Beschuss West-Jerusalems, Israels Warnung an Jordanien vor dem Kriegseintritt, fielen „mehr oder minder unter den Tisch“. Auch die Zerstörung des jüdischen Viertels und seiner unzähligen Synagogen während der jordanischen Herrschaft über die Stadt von 1948 bis 1967 finde „faktisch nicht statt“.

Jüdisches Museum weist Kritik zurück

Das Jüdische Museum weist diese Kritik zurück. Eine Sprecherin teilte am Dienstag mit, man scheue auch vor politisch kontroversen Themen nicht zurück. „Der Erregungsgrad, in dem die Kritik vorgetragen wird, ist aber kein Maßstab dafür, wie sachgerecht diese ist.“

Doch der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde sieht sich auch durch die Reaktionen der Ausstellungsbesucher bestätigt. Auf Postkarten beschreiben am Ende des Rundgangs viele Besucher ihre Eindrücke oder Wünsche. Zwischen Friedensappellen und Lob für die Ausstellung hängen dort teils antisemitische und antiisraelische Äußerungen. Auf einer der Karten steht auf Englisch und Italienisch: „Erst Opfer, nun Schlächter!“ Königsberg äußert sich entsetzt: „Es ist nicht akzeptabel, dass im Jüdischen Museum Positionen postuliert werden, die den Holocaust relativieren.“ Das Jüdische Museum teilte mit, die Karten würden regelmäßig überprüft und abgenommen.

Bis Ende April 2019 läuft die Ausstellung noch. Königsberg: „Für die verbliebene Zeit wünsche ich mir eine öffentliche Debatte, in die die Kritiker einbezogen werden.“