Theater in Berlin

Castorf inszeniert Brechts "Leben des Galilei" am BE

| Lesedauer: 5 Minuten
Georg Kasch
Regisseur Frank Castorf – hier allerdings am Hamburger Schauspielhaus.

Regisseur Frank Castorf – hier allerdings am Hamburger Schauspielhaus.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Bei einer Pressekonferenz zur Premiere des Stücks setzt der Regisseur zum 45-minütigen Monolog an.

Berlin. Nackte auf der Bühne sind keine Nachricht. Aber wenn Jürgen Holtz nackt ist? Jene Berliner Schauspielerlegende, jetzt 86, der seit gefühlten Ewigkeiten auf der Bühne steht, an der Volksbühne, dem Deutschen Theater, dem Berliner Ensemble (BE) engagiert war, mit Regisseuren wie Benno Besson, Heiner Müller, Peter Stein, Claus Peymann zusammengearbeitet hat und immer noch den Peachum in Robert Wilsons „Dreigroschenoper“-Inszenierung spielt? Schon in Frank Castorfs „Les Misérables“ 2017 am BE hatte er eine wichtige Rolle. Jetzt ist er Bertolt Brechts Titelfigur in „Leben des Galilei“. Und – zumindest am Anfang – nackt.

Das war nicht Castorfs Idee, sondern die seines Hauptdarstellers in diesem „historischen Schinken mit einer schönen Rolle“, wie der Regisseur das Stück zusammenfasst, in dem Brecht das Verhältnis von Forschung und Verantwortung verhandelt. „Holtz ist ein sehr frischer, besonderer Mensch, der die Weisheit besitzt, die notwendig ist gegenüber der Rolle. Er macht, was er will.“

Castorf nuschelt und verliert auch mal den Faden

Was man von Castorf auch behaupten kann, dem Erfinder des Regietheaters in seiner heutigen Form. Bei der Pressekonferenz im BE-Foyer soll es um die Premiere von „Galileo Galilei. Das Theater und die Pest“ am Sonnabend gehen. Erst aber wird er gefragt, wie es ihm geht. Also setzt er zu einem 45-minütigen Monolog an, kommt vom Berliner Ensemble („ein schönes Theater, aber ein Ort zum Sterben“) zum Stück (das ein Vorschlag von Intendant Oliver Reese gewesen sei), geht ausführlich auf die historischen Hintergründe ein, um irgendwann beim 30-jährigen Krieg zu landen, bei der Pest und den Flöhen.

Und bei Antonin Artaud. Das ist jener französische Theatertheoretiker, der für ein Theater der Grausamkeit stritt und in seinem Text „Das Theater und die Pest“ betonte, dass beide die Konflikte zum Ausbruch bringen, die in uns schlafen. Weil es bei Brecht eine Pest-Szene gibt, wird auch Artaud vorkommen. Und natürlich Heiner Müllers „Der Auftrag“, wie in so vielen Castorf-Inszenierungen.

Wenn Castorf so vom Hündchen aufs Stöckchen kommt, wirkt das ein bisschen wie Opa, der vom Krieg erzählt. Er nuschelt, verliert mal den Faden, geht auch kokett auf sein Alter ein (im Juli wird er 68): „Bald bin ich nicht mehr und dann ist gut.“ Und: „Alle Menschen sind freundlich, wie bei Leuten, die bald sterben.“ Wenn er über das Berliner Ensemble spricht und dessen schönes altes Haus am Schiffbauerdamm, dann legt er schon mal los: „Claus Peymann hat die BE-Kantine ruiniert.“ Früher standen da Stühle, die noch die Weigel ausgesucht hatte, war der Laden vertrunken, verqualmt. Jetzt sei der Charme weg.

Castorf plaudert freundlich aus dem Nähkästchen

Sonst aber plaudert er freundlich aus dem Nähkästchen, berichtet, wie er als Kind einmal in der Woche ins Theater oder in die Oper gegangen ist, auch ins BE, wo er die (damals noch laufenden) Brecht-Inszenierungen gesehen hat und so studieren konnte, wie Brecht als Regisseur arbeitete. „Da war das normal, da waren auch andere soziale Schichten im Theater“, sagt Castorf. „Muss man Kunst haben? Nö. Aber der Überfluss der Kultur ist Teil eines menschenwürdigen Lebens.“

Überhaupt Brecht. Mit ihm verbindet Castorf eine lange Geschichte. Als er Oberspielleiter in Anklam war, wurde dort 1984 seine Inszenierung von „Trommeln in der Nacht“ auf Druck der SED-Kreisleitung abgesetzt. Ein Disziplinarverfahren folgte, er wurde fristlos entlassen. Zum Skandal wurde „Baal“ 2015 am Münchner Residenztheater, weil Castorf die Handlung in den Vietnamkrieg verlegte, mit Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ und Texten Carl Schmitts verschnitt und deshalb aus Sicht der Brecht-Erben die „Werkeinheit“ nicht gewahrt wurde. Die Inszenierung musste abgesetzt werden. Kann das dem „Galilei“ auch passieren? Vermutlich nicht. „Abgesichert“ habe er sich zwar nicht, das habe er noch nie, nicht mal in der DDR. Aber: „Johanna hat sich sehr gewünscht, dass ich den ‚Galilei‘ mache.“ Gemeint ist Brecht-Enkelin Johanna Schall. In München sei die Lage auch eine andere gewesen, weil die Theaterleitung dachte, sie müsste sich nicht mit dem Verlag und den Erben auseinandersetzen.

Zur Volksbühne, die er ein Vierteljahrhundert lang geleitet hat, sagt er nichts. Vermutlich, weil alles gesagt ist. Und weil „nichts bleibt, wie es war“, für ihn die wichtigste Botschaft der zentralen „Galilei“-Pestszene. „Meine Hoffnung als ewiger Querulant ist, dass sich alles ändert.“ Dass es zwischen Galilei, der von der Inquisition verhört wird (und widerruft), und Brecht, der vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ aussagen musste (und sich je nach Sichtweise klug oder opportunistisch verhielt), Parallelen gibt, ist offensichtlich. Aber zum Heute?

Da wird Castorf dann doch noch böse. Er ätzt gegen die Presse – heute klängen alle Zeitungen gleich in einer Art vorauseilendem Gehorsam. Und gegen die politische Korrektheit: Wenn Jürgen Holtz als Mann nackt auf der Bühne stehe, dann dürfe man das machen. „Aber bei Frauen?“ Viel ungerechter seien die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und überhaupt: „Es ist so langweilig Kunst zu machen, die aktuell ist.“