"Music for Hotel Bars"

Hotelbar-Konzerte: Musikalische Überraschung beim Cocktail

Bastian Zimmermann erfand die Konzertreihe, die derzeit in Berlin läuft. Das Experiment soll in weiteren Städten ausprobiert werden.

Musikwissenschaftler Bastian Zimmermann hatte die Idee zu der Reihe, die er nun auch kuratiert. Die letzten beiden Berliner Events finden in der Bar des Hotels „The Stue“ (Foto) und im „Concorde Hotel am Studio“ an der Messe statt.

Musikwissenschaftler Bastian Zimmermann hatte die Idee zu der Reihe, die er nun auch kuratiert. Die letzten beiden Berliner Events finden in der Bar des Hotels „The Stue“ (Foto) und im „Concorde Hotel am Studio“ an der Messe statt.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Eine Hotelbar ist ein total spannender Ort Es ist vielleicht ein Glücksfall gewesen, dass die Konzertreihe „Music for Hotel Bars“ im Sommer vergangenen Jahres ausgerechnet im „Westin Grand Hotel“ an der Friedrichstraße beginnen durfte. Zweifellos ist die Innenarchitektur des Hauses unter den Berliner Luxushotels die am meisten beeindruckende: Über der großen Freitreppe, die vom ersten Stock hinunter direkt an die Bar im Erdgeschoss führt, ragen direkt und offen die sechs Stockwerke mit den Logen in die Höhe – bis zur Glasdecke. Von der obersten Empore haben die zufällig anwesenden Hotelgäste damals erstmals Musik aus dieser Reihe gehört.

Es war keine Hotelcombo, die dort spielte, sondern das weltberühmte und vielgefragte Ensemble Kaleidoskop, ein Spezialorchester für Neue und experimentelle Musik. Das Ganze klang allerdings nicht, wie man es von so einer Truppe vielleicht erwarten würde, schräg oder unangenehm – eher wie ein leiser Choral aus dem Off, wie von Geisterhand gespielt. Später wurde es auch vom Erscheinungsbild etwas schräg, eine Frau im OP-Hemd stolzierte mit dem eleganten Gang einer Hollywood-Ikone die Freitreppe hinunter und präsentierte eine plärrende Spieldose.

Finanziert wird die Reihe aus Mitteln des Kulturfonds

Der Betrieb des Hotels schwappte dann über diese Ereignisse, die Gäste standen weiter an der Bar und tranken ihre Cocktails. Und wer nicht eingeweiht war, konnte sich vielleicht fünf Minuten später an diese merkwürdige Einlage kaum noch erinnern. Darin liegt das Experimentelle der Reihe „Music for Hotel Bars“: im Spiel mit nicht gerichteter Aufmerksamkeit. Das Experiment ist das Nebenbei der Musik.

„Wir hatten damals nicht die geringste Ahnung, ob das funktionieren würde“, sagt Bastian Zimmermann, der sich die Reihe „Music for Hotel Bars“ für Berlin ausgedacht hat. Vier von den sechs Abenden in Berlin mit verschiedenen Komponistinnen und Komponisten sowie in unterschiedlichsten musikalischen Besetzungen haben mittlerweile stattgefunden. Am kommenden Dienstag ereignet sich eine weitere Ausgabe – die vorletzte in Berlin – in „The Stue“, dem eleganten Hotel in der Nähe der spanischen Botschaft am Tiergarten.

Wieder wird dann ein anderer Komponist verantwortlich sein. Leo Hofmann, der sich selbst auch als „Performer“ und „Sound-Artist“, als Klangkünstler beschreibt, wird an einigen Stellen direkt mit dem Publikum kommunizieren. Ein Novum der Reihe, denn „Music for Hotel Bars“ hat sich bisher, analog zur eigentlichen Funktion von Barmusik, der weitgehenden Unmerklichkeit verschrieben.

Bastian Zimmermann, der Kurator, finanziert „Music for Hotel Bars“ aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds. „Ich habe einige Jahre mein Geld damit verdient, für andere solche Anträge zu schreiben.“ Übung in Antragsprosa macht vielleicht den frühen Meister. Beim Hauptstadtkulturfonds dürfte man vor allem von der Spannung begeistert gewesen sein, die die Idee des 33 Jahre alten Musikwissenschaftlers Zimmermann erzeugt: Studierte Komponisten mit hohem Anspruch und Innovationswillen werden beauftragt, Hintergrundmusik für eine Hotelbar zu schreiben – im allgemeinen Verständnis eigentlich keine hohe Kunst, sondern eher eine Dienstleistung.

"Eine Hotelbar ist ein total spannender Ort"

Die Idee dazu hatte Bastian Zimmermann noch in Frankfurt am Main, seinem Studienort, den er vor drei Jahren gen Berlin verließ. „Ich war damals im Vorstand der Frankfurter Gesellschaft für Neue Musik. Wir hatten eine Konzertreihe im Instituto Servantes, haben aber nach anderen Orten gesucht. Und wir brauchten einen Ort mit Klavier.“ Und ein solches gab es schließlich in der Bar eines jeden Fünf-Sterne-Hotels. Damals führte der Plan zu nichts, aber in Zimmermann entwickelte er sich weiter.

„Das war der erste Gedanke: Eine Hotelbar ist ein total spannender Ort – genuin musikalisch. Es wird erwartet, dass Musik passiert, aber mit anderen sozialen Konnotationen als im Konzertsaal. In der Hotelbar kann man gleichzeitig noch anderen Aktivitäten nachgehen als nur der Musik.“ Er schaute sich sämtliche Hotelbars der Region an. Nun brauchte er Künstler. Sie habe er dann erst in Berlin gefunden. „Hier sind nun mal viel mehr Leute, es ist der kreative Pool an Menschen in Deutschland.“

Darunter sind vor allem Komponisten, die sich nicht ausschließlich als solche begreifen. Bei der initialen Barmusik im „Westin Grand“ sitzt der Komponist Mark Barden in knallorangenen Turnschuhen am Hotelflügel und spielt den Minutenwalzer von Chopin in Zeitlupe – bis zur Unkenntlichkeit entzerrt. In einer Konzertinstallation im „Ritz-Carlton“ am Potsdamer Platz lässt der Komponist Neo Hülcker ein Vokalensemble in 1920er-Jahre-Kostümen ungeordnet an den Tischen Platz nehmen, wo sie Tierschädel und andere seltsame Dinge demonstrativ bestaunen und nebenbei Gesang und Geräusche produzieren.

Allmählich mischen sich ältere Herren in Bademänteln unter die Hotelgäste – zweifellos einer der am stärksten szenisch gedachten Abende der Reihe. Es kann aber auch relativ klassisch zugehen, wie in der Bar des „Waldorf Astoria“ an der Hardenbergstraße im Dezember, wo die Klänge von Geige, Cello und Klavier sich unauffällig mit einem Synthesizer mischen.

Im „Waldorf Astoria“ wurde ein Einlass-Stopp verhängt

Für die Bar des „Waldorf Astoria“ an jenem vierten Abend der Reihe wurde übrigens nach etwa zwei Stunden ein Einlass-Stop ausgesprochen. Das Personal kam mit den Drinks nicht hinterher. Bastian Zimmermanns „Music for Hotel Bars“ hat sich herumgesprochen. Rein zufällig stehen wohl die wenigsten Gäste zum angekündigten Zeitpunkt an der jeweiligen Luxusbar herum. Und die meisten dürstet es nicht nur nach Cocktails, sondern sie wollen etwas erleben. Mehr, als der Kurator sich wünschen kann.

Bastian Zimmermann bereitet gerade einen neuen Antrag zur Förderung von neuer Barmusik vor. Diesmal in Frankfurt und München. Beim letzten Abend in Berlin am 26. Februar, im nicht ganz so luxuriösen „Concorde Hotel am Studio“, das sich an der Messe befindet, soll zur Abwechslung auch mal das Radio laufen. Ein Experiment, natürlich.

„Music for Hotel Bars“. Nächste Vorstellung am 15. Januar ab 19 Uhr mit Leo Hofmann im Hotel The Stue, Drakestraße 1 in Tiergarten.