Kultur

Die Tagebücher des Einar Schleef

Das Theater Hebbel am Ufer ehrt den Universalkünstler, der am Donnerstag 75 Jahre alt geworden wäre.

Mit der Produktion „Tarzan rettet Berlin“ startete die Projektreihe. Ein 13-köpfiger Chor gestaltet den Abend.

Mit der Produktion „Tarzan rettet Berlin“ startete die Projektreihe. Ein 13-köpfiger Chor gestaltet den Abend.

Foto: Francke/Schall

Kreuzberg. Ein roter Teppich, Scheinwerferlicht, das Publikum wird hinter die Absperrgitter gebeten. Ein schwarzer Kleinbus mit dunkel getönten Scheiben fährt am HAU 1 vor. Dann steigt er aus, der Theaterstar des Abends, der nicht einer ist, sondern viele. Einer nach dem anderen verlassen sie den Bus in ihren eleganten dunkelroten Samtanzügen, posieren im Applaus. Ein angemessen glamouröser Auftritt für Einar Schleefs wichtigsten Protagonisten: der Chor.

Am 17. Januar wäre der Theatermacher Schleef, der den Chor aus der Antike spektakulär für die Bühne wiederbelebte und nicht nur Regisseur, sondern auch Maler, Fotograf, Autor, Schauspieler und Bühnenbildner war, 75 Jahre alt geworden. Das Hebbel am Ufer (HAU) ehrt den Universalkünstler, der im Sommer 2001 mit nur 57 Jahren verstarb, noch bis kommenden Dienstag mit einer Projektreihe.

Der Künstler arbeitete hart an seinen Erinnerungen

Den Auftakt machte am Freitag die Produktion „Tarzan rettet Berlin“. Schleefs langjährige Chorleiterin Christine Groß hat sich dazu gemeinsam mit der Choreografin Brigitte Cuvelier, Bühnen- und Kostümbildnerin Janina Audick sowie der Dramaturgin Martina Bosse die Tagebücher Schleefs vorgenommen. Das gesamte Festival steht unter dem Titel „Erinnern ist Arbeit“. Schleef hat hart an seiner Erinnerung gearbeitet. Bis zu seinem Tod hat er Tagebuch geschrieben. Sein ganzes Leben ist darin dokumentiert, die ostdeutsche Jugend, die Übersiedelung 1976 in den Westen, die Arbeiten an den großen Theatern, in Wien, Frankfurt, Berlin.

Der Chor aus dem Minibus hat sich inzwischen auf der Bühne positioniert und erzählt von dieser ostdeutschen Jugend. Nicht von den Panzern, aber von den Jahren danach, vom Klassenfasching, von einer missglückten Eierfärbeaktion, von der Konfirmation, die blutig endete, weil der Pfarrer ihm den Abendmahlskelch unglücklich gegen die Zähne rammte. Der Chor spricht laut, rhythmisch, das „Ich“, sobald es auftaucht, bekommt immer die stärkste Betonung.

Schleefs Tagebücher reflektieren auch sein künstlerisches Schaffen, vor allem sein Ringen mit der Sprache. Auf der Bühne konnte er fehlerfrei deklamieren, im Alltag war er Stotterer. Daher kommt es vielleicht, dass er die Wörter wie ein Werkzeug nutzt, um die harten Schichten der Realität aufzumeißeln, so lange es eben zur Verfügung steht, immer in der Gewissheit, dass dieses Werkzeug störanfällig ist.

Junge Menschen entziehen sich klassischen Geschlechterzuschreibungen

Der Bühnenchor zitiert eine Passage, in der Schleef den Besuch einer Selbsthilfegruppe für Stotterer beschreibt. Eine großartige Selbstreflektion über die Gruppe, den Einzelnen, über Ausgrenzung durch einen vermeintlichen Makel und Eingrenzung in ein Kollektiv. Auf der Bühne stampfen sie hart auf den Boden, einmal marschieren sie im Stechschritt über den knallgrünen Steg, der sich, an beiden Enden hochgebogen, von der Bühne bis in den ersten Rang zieht. Auch dies ist ein Schleef-Zitat, seine Räume waren häufig von solchen Stegen durchkreuzt.

Das Militärische wurde ihm oft zum Vorwurf gemacht, von „Nazi-Theater“ war gar die Rede. Ein Schicksal, das er, der Wegbereiter für die Wiederentdeckung des Chores im zeitgenössischen Theater, durchaus mit seinen Nachfolgern bis heute teilt. Die verstörende Wucht, die seine Chöre hatten, war das eine, das andere, dass er in ihnen auch immer wieder Sprache als identitätsstiftendes Element zelebrierte, dass er in und durch sie Reibungen zwischen Individuum und Kollektiv thematisierte.

Besonders dieser Aspekt ist an dem handwerklich vielleicht nicht perfekten, aber einnehmend frischen und sympathischen HAU-Abend gelungen: Wir haben es hier mit einem Chor zu tun, der zusammengesetzt aus 13 jungen Menschen ist, die sich explizit den qua Geburt oder durch die Gesellschaft verordneten klassischen Geschlechterzuschreibungen entziehen. Die rotsamtene Einheitskluft haben sie nur zu Beginn an, nach und nach individualisieren sie sich, werfen sich Glitzerkleider oder Lederklamotten über.

Chormitglieder wirken weniger Provokant

Wie Schleef in seinen Arbeiten überprüft auch dieser indifferente Chor die Frage nach der Konstruktion von Identität. Sie bilden aus ihrer Unterschiedlichkeit heraus eine Einheit, einen Zusammenhalt der Individualisten, der Uneindeutigen. Eine tolle Übertragung, Schleef war ja selbst ein Uneindeutiger, ein Widerständiger. Einer, der sich bisweilen nicht richtig zugehörig fühlte, auch aufgrund seiner persönlichen Ost-West-Biografie.

„Ich habe kein Deutschland gefunden“, notiert er. Dass die jungen Chormitglieder im HAU bei diesem Schleef-Transfer in ihrer eigenen Uneindeutigkeit nun deutlich weniger provokant oder widerständig wirken als einst Einar Schleef mit seinen Arbeiten, das ist kein Manko des Abends, sondern seine schönste Erkenntnis.

Hebbel am Ufer (HAU 1), Stresemannstr. 29. Nächste Termine: 14. und 15.1., 19 Uhr. Karten: 030 259 004 27. hebbel-am-ufer.de

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