Film

Sex-Pakt unter Frauen

„Das Mädchen, das lesen konnte“ ist ein Drama um ein Dorf ohne Männer. Die Romanvorlage hat eine verwirrende Entstehungsgeschichte.

Foto: Filmkinotext

Die Geschichte spielt im Frankreich in den 1850er-Jahren, könnte aber sowohl eine antike Sage als auch Science-Fiction sein: Tragische Umstände führen dazu, dass ein ganzes Dorf männerlos ist. Zunächst schlagen sich die Frauen allein durch, aber als eines Tages ein Mann auftaucht, schmieden sie einen Plan.

Das Mädchen das lesen konnte“ ist der rare Fall eines Films, in dem der deutsche Titel besser als sein Original („Le semeur“, Der Sämann) ausdrückt, was seine Intention ist. Statt des einen Mannes, der die Handlung vorantreibt, geht es um die Frauen, darum, was sie fühlen, hoffen und durchmachen. Lange bevor mit Jean (Alban Lenoir) besagter Mann in Erscheinung tritt, widmet sich der Film ausgiebig den Dörflerinnen, ihrer Trauer um die 1851 nach dem Putsch von Louis-Napoléon Bonaparte als Aufständler abgeführten Männer und ihrer Sehnsucht nach virilem Beistand.

Unter ihnen ragt die schöne Violette (Pauline Burlet) mit ihren großen Augen hervor. Violette ist noch Jungfrau – und jenes Mädchen, das lesen kann, als einzige unter den Frauen. Weshalb sich zwischen ihr und Jean mittels gemeinsamer Voltaire-Lektüre gleich eine besondere Beziehung anbahnt. Was bald auch Eifersucht erregt.

Marine Francen zeigt in ihrem Regiedebüt eine Vorliebe für liebevoll gestaltete pastorale Szenen, in denen sich Frauen in Kostümen des 19. Jahrhunderts der Haus- und Feldarbeit und vor allem den Pausen dazwischen widmen. Worüber sprechen sie, wenn sie vom Sensen erhitzt Abkühlung suchen? Über das ungewisse Schicksal ihrer Liebsten und wie es mit ihnen im Bett war. Obwohl der Film größtenteils unter Frauen spielt und es nur eine einzige Männerrolle gibt, würde er den „Bechdel-Test“, der fordert, dass zwei Frauenfiguren miteinander über etwas anderes als Männer reden, nicht bestehen.

Darin liegt eine verpasste Chance des Films, der auch den ungewöhnlichen sozialpolitischen Rahmen – Religion spielt so wenig eine Rolle wie Rang- oder Eigentumsverhältnisse – nicht erklärt oder gar behandelt. Das aber stört vielleicht nicht. Auf den ersten Blick nämlich erscheint die Schlichtheit der Fabel mit den malerischen Landschaftsaufnahmen wie ein Beweis für die Echtheit des Stoffs.

„Das Mädchen, das lesen konnte“ geht zurück auf einen angeblich wahren Lebensbericht jener Violette, die den Text 1919 geschrieben haben soll. Das Manuskript durfte nicht vor 1951, 100 Jahre nach den Ereignissen, geöffnet werden. Publiziert wurde die Erzählung über einen weiblichen Sex-Pakt im Frankreich Napoléons III. dann aber erst 2006 und wurde ohne große Werbung ein „Sleeper-Hit“. Als wahrscheinlich gilt jedoch inzwischen, dass eine Autorin des frühen 20. Jahrhunderts das Büchlein als Reaktion auf die Verheerungen des Ersten Weltkriegs verfasste.

Drama F 2018 100 min., von Marine Francen, mit Pauline Burlet, Alban Lenoir, Géraldine Pailhas

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