Film

Die Tribute von Nottingham: „Robin Hood“ reloaded

Schöne Ansätze, die gleich wieder verwässert werden: Bei der radikalen Neuversion von „Robin Hood“ bleibt von der Legende wenig übrig.

Bei der Neuversion von „Robin Hood“ bleibt von der Legende wenig übrig.

Bei der Neuversion von „Robin Hood“ bleibt von der Legende wenig übrig.

Foto: Studiocanal

Legenden muss man wohl bald unter Artenschutz stellen. Was Guy Ritchie 2017 aus „King Arthur“ gemacht hat, hatte nur noch wenig mit der Gralsgeschichte zu tun. Und in „Legend of Tarzan“ von 2016 durfte der Dschungelheld nicht mal mehr seinen Lendenschurz tragen. Noch radikaler freilich ist die jüngste Version von „Robin Hood“. „Vergesst, war Ihr gesehen habt oder zu kennen glaubt“, heißt es da gleich zu Anfang. Das sollte man unbedingt wörtlich nehmen.

Der Rächer der Enterbten, der die Reichen bestiehlt, um den Armen zu geben? War alles, wie wir in Otto Barthursts Neuinterpretation lernen, ganz anders. Angefangen beim Titelhelden. Nennen wir ihn einfach Robbie. Denn Robin ist hier so jung, dass man ihn einfach nicht für voll nehmen kann. Zugegeben, im letzten „Robin Hood“- Film von 2010 war Russell Crowe deutlich zu alt für die Figur. Jetzt aber spielt ihn Taron Egerton, eben noch Krawall-Kid in der Agentenklamotte „Kingsman“, wie einen ewigen Teenager, der einfach nicht erwachsen wird. Und dem ständig andere sagen müssen, was er tun soll. Die „Legende“ ist also nicht selbst gestrickt, sondern dreingeredet und fremdbestimmt.

Wer hier die Reichen für die Armen bestiehlt, ist – Lady Marian (Eve Hewson). Und die fängt damit direkt bei Lord Robin von Locksley an. In seinem Stall will sie ein Pferd entwenden. Wird prompt von dem verwöhnten Pinkel gestellt. Der nicht nur sein Ross, sondern auch sein Herz an sie verliert. Aber kaum hat sich das junge Glück gefunden, kriegt Robin Hood, sehr modern, einen Einberufungsbefehl per Post. Er muss auf Kreuzzug. Und erlebt im fernen Orient, wie brutal die Briten gegen die Moslems vorgehen.

Robin Hoods ewiger Weggefährte Little John ist hier folgerichtig ein Muslim (Jamie Foxx), der im Glaubenskriegseinen Sohn und einen Arm verliert, dem Robin aber das Leben rettet. Darauf wird der Lord geächtet, in seiner Heimat für tot erklärt, sein Hab und Gut zerstört. Robin schwört Rache. Wie der Muslim, der in Britannien nach dem Mörder seines Sohns sucht. Weil er nur noch eine Hand hat, bildet er Robin zu seiner rechten Hand aus, im Bogenschießen und Schwertkampf. Und bleut dem Jungen, der keinen Plan hat, ein, dass er gegen den fiesen Sheriff von Nottingham (Ben Mendelssohn) mit einer Strategie vorgehen muss.

Vergesst alles! Vergesst auch die Strumpfhosen, die Robin Hood und die Seinen sonst getragen und die den Mantel- und Degenfilm so leicht gemacht haben. Hier werden harte Bandagen angelegt und schwere Geschütze aufgefahren. Dieser „Robin Hood“ will auf Teufel komm raus aktuell sein. Und wirkt ständig, als hätte man den alten Mythos mit aktuellen „Tagesschau“-Bildern gekreuzt.

Das fängt beim Kreuzzug an, der nicht von ungefähr an Syrien erinnert. Durch den Muslim kommt auch viel Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie in den Film: Ständig wird gegen die Araber gehetzt, werden Äng-ste geschürt wie in rechtspopulistischen Parteien. Und der Sheriff predigt Law & Order wie heutige Potentaten. Und die Rebellen erinnern an Streetfighter und Antifa-Demonstranten.

Robin kämpft hier nämlich nicht nur mit ein paar Weggefährten für Gerechtigkeit, er stachelt gleich das ganze Volk auf. Sein Name erklärt sich einmal anders: „The Hood“ meint hier wirklich Kapuze, die trägt Robin nämlich, und die tragen bald aus Solidarität alle, die seine Sache unterstützen. Hoody-Mode als politisches Statement.

Der Ansatz ist durchaus interessant, wird aber leider durch ein Anspielungsmischmasch auf alles und jedes wieder verwässert. So wird das Mittelalter in die Zeit der industriellen Revolution katapultiert, wo das einfache Volk in einem Bergwerk arbeitet und auch schon Fabrikschlote und Schienenfahrzeuge ins Bild rücken. Man kann sich ziemlich amüsieren, wie hier der historische Stoff zum Passepartout zur Teenie-Action à la „Tribute von Panem“ umgebogen wird. Man kann sich aber auch ziemlich aufregen, wie all das hier sinnfrei vermengt wird und von der Geschichte wenig mehr bleibt als der Name, auf den man sich gleichwohl beruft.

Der Rächer der Enterbten wird hier konsequent selbst enterbt. Und nicht nur um Haus und Hof gebracht, sondern auch um das Letzte, was er hat: um seine Legende.

Fantasy USA 2018 116 min., von Otto Bathurst, mit Taron Egerton, Eve Hewson, Jamie Foxx, Jamie Dornan, Ben Mendelssohn, F. Murray Abraham

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