Kultur

Wana Limar: Flucht aus der Instagram-Blase

Vom Flüchtling zur MTV-Moderatorin: Wana Limar sucht jenseits der Modeindustrie nach einem fairen Platz in der Welt.

Wana Limar wurde in Afghanistan geboren, die Familie flüchtete nach Hamburg. Jetzt ist Berlin das Zuhause der Moderatorin und Influencerin, die sich öffentlich für Flüchtlinge einsetzt.

Wana Limar wurde in Afghanistan geboren, die Familie flüchtete nach Hamburg. Jetzt ist Berlin das Zuhause der Moderatorin und Influencerin, die sich öffentlich für Flüchtlinge einsetzt.

Foto: Anikka Bauer

Wer Wana Limar verstehen will, muss sich gleich durch ein paar ihrer Insta­gram-Bilder klicken. Die Bloggerin, die 2013 bei MTV Styles als Moderatorin begann und heute vor allem auf dem Bilderdienst ihre Medienwirksamkeit füttert, kann man nicht direkt einordnen. Das mag irritieren, vielleicht sogar verunsichern, will man doch am liebsten immer seine Welt sortieren können.

Mit der 28-Jährigen geht das nicht. Wohin genau zwischen Make-up-Tutorials und unentgeltlicher Hilfe in Krisengebieten? Dann sind da auch noch die Text-Bild-Scheren: Bewusst gemachte Schreibfehler unter Fotos von Kindern in Afghanistan, die sie besuchte, unter welchen sie im Namen der Organisation Visions for Children „etwas Großes“ ankündigt.

Die Frage, die sich stellt: Schließt das eine das andere wirklich aus? Muss man ein durch und durch ökologisch-ethisch-moralisch korrektes Dasein pflegen, um Gutes in der Welt tun zu dürfen? Kann man wie sie Influencer für Modelabels sein, die sich nicht ausdrücklich von Kinderarbeit distanzieren, und gleichzeitig in Dritte-Welt-Ländern Schulen aufbauen?

Sinnkrise nach Abschluss des Modejournalismus-Studiums

Wenn man sie danach fragt, merkt man, dass sie nicht selten mit so einer Art kritischen Unglaubens über ihre auf den ersten Blick bigotte Außenwirkung konfrontiert wird. Auch sie selbst haderte. Nach einer Sinnkrise mit Abschluss des Modejournalismus-Studiums, den Fragen, ob ihr das nicht doch zu oberflächlich sei, ob sie nicht doch eher Lehramt studieren solle, entschied sie sich ganz bewusst dafür, alles sein zu können. Limar nennt sich auf Instagram „der boy“ und Werner (seit der achten Klasse ihr Spitzname). In meist nicht ganz ernst gemeinter proletenhafter Schreibweise (ähnlich der des Rappers Money Boy) textet sie auf ihrem Kanal in der dritten Person über sich (spaßig) sowie über ihre Hilfsprojekte. Damit erreicht sie viele – „von einer Feuilletonredakteurin bis zu Murat aus Hamburg-Mümmelmannsberg“, sagt sie.

Das Wichtigste sei darin sie als Person, die alles zusammenhält, was in dem Bild der schönen, modebewussten und sozial engagierten Frau wohl nicht zusammenpasst: „Der rote Faden zwischen alldem bin ich.“ So kann sie Leute für Themen kriegen, die damit sonst nie in Kontakt kommen würden. Zum Beispiel solche wie Diskriminierung, der sie als Afghanin immer schon ausgesetzt war. Kürzlich schrieb sie für Amnesty Deutschland einen Text darüber.

Sich zwischen den Dingen zu entscheiden, sagt sie, hätte in der Konsequenz bedeutet, dass sie entweder nur alles ganz richtig oder alles ganz falsch machen könne. Und dass man am Ende eh nur diejenigen erreicht hätte, die ohnehin schon von dem „fairen Leben“ wissen. Dazwischen aber gebe es viel mehr. Es sei doch sowieso besser, gute und schlechte Sachen zu machen als nur schlechte.

Da hat sie irgendwie recht. Formuliert es vor allem ausgesprochen klug, weil sie damit die ihr möglicherweise vorgeworfene Scheinheiligkeit einfach umkehrt. Die Kritik an ihre Kritiker zurückgibt, weil die meisten von denjenigen bloß herumkritteln und schlichtweg gar nichts Gutes in die Welt bringen.

Natürlich hofft auch sie, dass sie irgendwann ausschließlich unfehlbar arbeiten kann. Anti alles sein können, was Ausbeutung und Umweltzerstörung bedeutet. Das aber würde auch heißen, dass man sich aus dem „fucking kapitalistischen System“ schält. Nur sind dazu die meisten zu schwach, weil es halt Konsequenzen mit sich bringt.

Die wenigsten boykottieren doch alle im Silicon Valley entwickelten Produkte, weil Saudi Arabien einer der Hauptgeldgeber dieser Industrie ist, sagt sie. Und auch sie sei Opfer des Kapitalismus. Trotzdem wünscht sie sich, „dass wir irgendwann alle nur noch über Telepathie kommunizieren, in Hanfkleidung herumlaufen und es gar kein Geld mehr gibt“. Nur ist es noch nicht so weit. Deshalb die Kooperationen mit Marken, welche allerdings zumindest einen überzeugenden Aspekt mit sich bringen müssten. Bis zu 90 Prozent aller Angebote müsse sie deshalb absagen. Und dazu zählen nicht nur längst bestätigte Teufel unter den Marken. Der Sporthersteller Nike dagegen habe eine ganze Kultur geschaffen.

Als Limar drei Jahre alt war, flüchtete sie mit ihrer Familie aus Kabul. Ihre Geschichte, mit der sie kein Exempel statuieren will. Ihre ersten Kindheitserinnerungen sind die an ein Asylbewerberheim in Hamburg. Ihre Eltern wurden in Deutschland nie die großen Akademiker, sondern machten vor allem Gelegenheitsjobs. Sie machte Abitur und studierte.

Social Media soll zeitbegrenzt wie eine Fernsehshow sein

Der Stempel der „Vorzeigemigrantin“ würde nicht nur nerven, sondern sei als Begriff allein schon rassistisch. Limar erinnert sich an einen Fernsehmoderator, der es nicht böse meinte: „Wir brauchen genau so Menschen wie dich, dass wir denen mal zeigen, dass es auch solche gibt.“ Solche?! „Es geht doch darum, dass die Welt für jeden da ist, egal woher man kommt oder wohin man geht.“ Eine von Limars Realitäten – bewusst und klug. Und dann gibt es da eben auch noch die in der Instagram-Blase, die sie, wie sie sagt, auch ziemlich anstrengt. Weshalb sie oft Detox von der ständigen digitalen Beballerung macht. Ihren Online-Feed bestückt sie intuitiv, ohne System. „Sonst würde mich Instagram wie ein Arbeitgeber stressen.“

Ihre Idealvorstellung von Social Media wäre übrigens, dass es wie eine Show im Fernsehen ist: wochentags von 19 bis 21 Uhr. Dann wären alle online, man kann glotzen und sich mitteilen, und dann ist sie auch wieder vorbei.

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