Konzertkritik

Jenseits der Schellack-Tonkonserven

Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra begeistern im Konzerthaus – und präsentieren Nachfolger.

Andrej und Sohn David Hermlin (Archivfoto).

Andrej und Sohn David Hermlin (Archivfoto).

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Wenn man Andrej Hermlin glaubt, so kommt es an diesem Abend nach Neujahr 2019 zum ersten Mal in der Geschichte des Swing Dance Orchestra vor, dass im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu seinen Klängen getanzt wird. Tatsächlich: Hinter den letzten Parkettreihen, etwas verschämt, tanzt ein Paar. Das ist natürlich nichts im Vergleich dazu, was auf der Bühne selbst abgeht.

Längst hat der Berliner Jazzmusiker Andrej Hermlin würdige Swingnachfolger herangezogen in Gestalt einer weiteren Hermlin-Generation: Das Gesicht dieses Abends mit dem Titel „It’s Ballroom Time“ ist nicht der 53-jährige Bandleader selbst, sondern Hermlins Sohn David. Dieser singt nicht nur im frühen Swingstil der 30er-Jahre offensiv in das historisierende, silberne Mikrofon hinein, sondern tanzt und steppt auch nach dem stilistischen Vorbild von Fred Astaire, schlaksig wie er ist. Ja, David Hermlins Erscheinung ist auf dem Podium des Konzerthauses derjenige künstlerische Aspekt, anhand dessen man sich am besten vorstellen kann, wie sich dieser Stil jenseits der rauschenden Schellack-Tonkonserven einmal live angehört haben mag – und vor allem wie er anzuschauen war im Chicago oder New York der 30er-Jahre. Der Klang des Swing Dance Orchestra ist meistens hart und direkt und weist eher auf die Geburt des Swing aus dem Dixie hin als auf sein Fortbestehen in den lyrischeren Swingstilen von Frank Sinatra und Tommy Dorsey. Auch die 15-jährige Tochter Rachel darf für eine Swingnummer mit auf die Bühne und zeigt als Sängerin und Tänzerin gut abgestecktes, aber bereits professionelles und mitreißendes Können.

Im Auftritt elegant und doch unkompliziert und entspannt steht den jungen Hermlins und der 14-köpfigen Big Band im Hintergrund die Jazzsängerin Anny zur Seite, die das Ganze eindeutig vom gemütlichen Familienkonzert auf internationales Niveau hebt. Der klangreichen Spontaneität und nicht der reinen Nostalgie verpflichtet scheinen die Soli der Saxofonisten, Trompeter und Posaunisten des Orchesters.

Subtiler und auch lyrischer sind die Beiträge der fünfköpfigen Vocal Group Skylarks, mit der Andrej Hermlin seit Jahren im Dienst einer authentischen Wiederbelebung des historischen Swingkosmos zusammenarbeitet. Die unkomplizierte Direktheit von Andrej Hermlin in seinen Ansprachen sowie das humorvolle Vertreiben des Vaters durch den Sohn Hermlin vom Rednermikrofon sorgen von vornherein für einen musikalisch hervorragend durchgeformten und zugleich entspannten Abend.