Kiss

Gene Simmons von Kiss: „Nichtstun ist Mist“

Gene Simmons über die letzte Tournee von Kiss, über das Altern als Rockstar – und seine Drogenabstinenz.

Die Hard-Rock-Band Kiss um Band-Leader Gene Simmons (l.) ist seit mehr als vier Jahrzehnten berühmt für ihre Kostüme.

Die Hard-Rock-Band Kiss um Band-Leader Gene Simmons (l.) ist seit mehr als vier Jahrzehnten berühmt für ihre Kostüme.

Foto: Universal Music

Zeit ist Geld. Für den geschäftstüchtigen Gene Simmons ganz besonders. Der 69-Jährige mit der wohl berühmtesten Zunge der Rockgeschichte sitzt in seinem Hotelzimmer in Las Vegas und möchte daher gleich zur Sache kommen. Das heißt, über die Abschiedstournee von Kiss sprechen – jene Band, als deren Frontmann Simmons seit 1973 fungiert und mit der er noch drei Jahre um die Welt reisen will, bevor es das dann gewesen sein soll.

Mr. Simmons, wird „The End Of The Road“ definitiv die letzte Tournee von Kiss sein?

Gene Simmons: Ja. Wir haben Kiss 45 Jahre lang betrieben. Wenn wir mit der Tour, die eine sehr lange Tour sein wird, fertig sind, werden es 48 oder 49 Jahre sein. Das muss genug sein.

Dann können Sie die 50 doch auch noch vollmachen, oder?

(Lacht.) Möglich ist alles. Aber nur, wenn es sich gut und vernünftig anfühlt.

Warum ist es jetzt vernünftig, mit Kiss aufzuhören? Sie sind doch noch nicht mal 70?

Am Ende der Tour werde ich 72 sein. Das ist ein gutes Alter, um Schluss zu machen. Man sollte gehen, wenn man noch an der Spitze steht. Und nicht, wenn einen die Leute anfangen zu bedauern. Seien wir doch mal ehrlich: Da draußen gibt es jede Menge Kollegen, die immer noch auftreten, obwohl sie nicht mal mehr richtig stehen können.

Ist es nicht längst normal, mit weit über 70 oder gar über 80 noch live zu spielen?

Schauen Sie, wenn ich bei den Rolling Stones spielen würde, dann könnte ich in Turnschuhen und T-Shirt auf die Bühne gehen, bis ich 80 bin. Kein Pro-blem. Die Stones machen das super. Aber ich spucke Feuer, fliege durch die Luft, trage Stiefel mit 18 Zentimeter langen Absätzen und einer Montur, die 20 Kilo wiegt. Kiss ist die am härtesten arbeitende Band im Showbusiness. Wenn du Mick Jagger in mein Outfit stecken würdest, kippt der nach spätestens einer halben Stunde aus den Latschen.

Kiss ist ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen. Wie fällt man so einen Entschluss, dass die nächste Tour die letzte ist?

Das ging ohne Dramen vonstatten. Wir trafen uns, sprachen über die kommende Tour und dass wir uns nicht vorstellen können, danach weiterzuspielen. Wir können nun einmal nicht ewig weitermachen. Diese Tournee wird die beste, die wir je unternommen haben. Uns allen geht es richtig gut. Niemand hat Drogenprobleme oder steckt sonst wie in Schwierigkeiten.

Sie sollen Drogen ja nie angerührt haben.

Ich fand es immer bescheuert, besoffen oder breit sein zu wollen. Wofür soll das gut sein? Kein Betrunkener sagt was Kluges. Und wenn du dicht bist, benimmst du dich wie ein Idiot. Punkt. Ich hatte nie den Eindruck, etwas zu verpassen. Im Gegenteil. Ich war in meinem ganzen Leben nie betrunken, rauche auch keine Zigaretten, Drogen nehme ich schon gar nicht. Das interessiert mich alles nicht im Geringsten. Mir ist es wichtig, gut zu schlafen, gut zu essen und mich ausreichend zu bewegen.

Und ausgerechnet Sie fungieren jetzt als „Chief Evangelist Officer“ des Cannabis-Unternehmens Invictus.

Ja, aber ich predige in dieser Funktion ausschließlich über den medizinischen Aspekt. Cannabis kann Epilepsie heilen, das ist ein Meilenstein. Ich selbst nehme kein Marihuana, habe noch nie gekifft. Aber die Leute sollten die Möglichkeit haben.

Sorgen Sie vor, dass Ihnen nach dem Ende von Kiss nicht die Decke auf den Kopf fällt?

Ich bin an vielen Dingen interessiert und ja, ich verdiene gern Geld. Daran ist nichts falsch. Ein Rentnerleben ist für mich allerdings so oder so keine Option. Nichtstun ist Mist. Du wirst fett und schwach und fängst an zu sterben. Ich will noch nicht sterben.

Was haben Sie sich für die Abschiedstournee konkret vorgenommen?

Wir werden Songs aus jedem Jahrzehnt spielen, von den 70ern bis zu unserem letzten Studioalbum „Monster“. Wir haben eine brandneue Show mit nie gesehenen Effekten. Und wir wollen an Orten spielen, wo wir noch nie waren. In Afrika, China und meinem Geburtsland.

In Israel. Wird das erste Kiss-Konzert dort ein besonderes Ereignis für Sie sein?

Natürlich. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit in Israel. Wir waren arm, das ganze Land war gerade erst gegründet worden, jeder packte mit an. Ich habe das einfache Leben geliebt.

Sie kamen als Chaim Witz 1949 in Haifa zur Welt und wanderten mit Ihrer Mutter als Achtjähriger nach New York aus. Sie arbeiteten bei der „Vogue“ und als Lehrer, bevor Sie Anfang der 70er-Jahre mit dem Gitarristen Paul Stanley Kiss gründeten. Woran denken Sie, wenn Sie sich an die Zeit damals zurückerinnern?

An unser Silvesterkonzert 1973. Wir spielten vor 3000 Leuten in New York, mit Blue Oyster Cult und Iggy Pop. Sie gaben uns 30 Minuten, nach einer Viertelstunde fing mein Haar an zu brennen. Ich konnte noch nicht so gut Feuer spucken. Und dann wollte uns das Publikum nicht mehr von der Bühne lassen. Musikzeitschriften brachten auf der Titelseite Fotos von mir, brennend. Plötzlich lief es sehr, sehr gut.

Wussten Sie nach dieser Show, dass Großes passieren würde?

Ich weiß noch, dass ich die ganze Neujahrsnacht vor Aufregung nicht schlafen konnte. Unsere Fantasie kannte keine Limits, unsere Träume waren groß. Doch ich wusste immer, dass man hart arbeiten muss und Opfer bringen muss. Es ist ein schweres Leben. Du verlierst Freunde, Ehen zerbrechen, nur sehr wenige Bands überleben 45 Jahre.

Ihre Mutter Flora, eine aus Ungarn stammende Jüdin, die Anfang Dezember mit 92 Jahren starb, überlebte mehrere KZs. Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Es könnte nicht besser sein. Ich freue mich auf (sagt das auf Deutsch) Schnitzel, Apfelstrudel, Gulaschsuppe. Ich mag das Essen, ich liebe die schönen deutschen Frauen. Deutschland ist faszinierend und ein sehr junges Land. Vor 1870 gab es das ja nicht in der heutigen Form. Frankreich, England, sogar die USA waren zu dem Zeitpunkt längst gegründet.

Es gibt hier zurzeit Probleme mit Populisten und Rechtsextremen. Machen Sie sich darüber Sorgen?

Nein. Das ist nicht Nazi-Deutschland. Rechtsradikale hat es immer gegeben, in Deutschland und anderswo. Der Unterschied ist, dass die Medien diesen Entwicklungen viel Aufmerksamkeit schenken. Das finde ich gut, denn wenn die Leute wissen, was los ist, können sie was dagegen unternehmen. Rassismus und Antisemitismus waren aber nie verschwunden und ich fürchte, sie werden auch nie verschwinden.

Was halten Sie von Donald Trump?

Ich kenne den Mann persönlich, so wie ich auch Bill Clinton, George W. Bush und Benjamin Netanjahu kenne. Ich finde das Geschrei jetzt etwas überflüssig. Trump ist gewählt, man wird sehen, ob er wiedergewählt wird. In einer freien Gesellschaft haben die Leute die Wahl.

Werden Sie ihn wählen?

Nun, bei allem Respekt, das geht niemanden etwas an. Wichtig ist mir, dass wir wieder zusammenfinden. Wir leben in einem Land, in der die Hälfte vehement für Trump ist und die andere Hälfte vehement gegen ihn. Aber es ist immer noch dasselbe Land. Ich bin ein großer Fan von Angela Merkel. Manche mögen sie, manche nicht, aber sie hat Deutschland sehr souverän durch die vergangenen Jahre geführt.

Das Berlin-Konzert 4. Juni, Waldbühne.