Literatur

Die Schreibenden und ihre Richter

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Felix Müller
Was ist ein guter Text? Der Literaturwissenschaftler Walter Jens und der Verleger Klaus Wagenbach diskutieren im Jahr 1962 bei einem Treffen der Gruppe 47 am Wannsee.

Was ist ein guter Text? Der Literaturwissenschaftler Walter Jens und der Verleger Klaus Wagenbach diskutieren im Jahr 1962 bei einem Treffen der Gruppe 47 am Wannsee.

Foto: bpk/Digne M. Marcovicz / ullstein bild - bpk/Digne M. Mar

Ein Bildungsroman und eine neuer Blick auf die Gruppe 47: Hilmar Klutes „Was dann nachher so schön fliegt“

Ein junger Mann, er heißt Volker Winterberg und leistet gerade Zivildienst in einem Bochumer Altersheim, fährt 1986 mit dem Zug für ein paar Tage nach Berlin. Er hat in der Zeitung von einem Wettbewerb für Nachwuchsschriftsteller gelesen und ein paar seiner Gedichte eingesendet, und dann hat ihn der Veranstalter, die Berliner Festspiele, tatsächlich eingeladen.

Seine Reise ist ein Ausblick auf ein anderes Leben, das im Ruhrgebiet momentan so aussieht: „Ich war fast jede Nacht mit meinen Kumpels unterwegs, trank in Kneipen Bier, rauchte Javaanse Jongens und schlief manchmal mit einer der Altenpflegerinnen, Erika, sie war dreizehn Jahre älter als ich und hatte Sartre gelesen. Weil sie mit einem Mann zusammenlebte, der übrigens noch einmal dreizehn Jahre älter war als Erika, mussten wir uns in den Wohnungen ihrer Freunde treffen, die dann halt an diesem Abend ausgingen. Ich hatte keine große Lust auf den Sex mit Erika. Mein Schwerpunkt lag ja mehr auf der Lyrik, und ich war eigentlich nur zufrieden, wenn ich alleine in meinem Zimmer hockte und an meinen Texten herumdrehte.“

Wenn etwas Geschriebenes plötzlich funktioniert

Wenn man lange an Texten herumdreht und -schraubt, dann passiert manchmal etwas ganz Wunderbares: Sie können leicht werden und melodisch und schnell, sie beginnen zu fliegen. Hilmar Klute, Jahrgang 1967 und „Streiflicht“-Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, legt mit Volker Winterbergs Geschichte seinen ersten großen Roman vor, und ihm dürfte diese Erfahrung bestens vertraut sein. „Was dann nachher so schön fliegt“ ist eine Formulierung des Dichters Peter Rühmkorfs, „der unter der Last seiner Verse fast zusammenbrach“, wie uns der Erzähler wissen lässt: „Was dann nachher so schön fliegt, darauf ist lange herumgebrütet worden!“

Winterberg lernt das seltsam ins Stocken geratene West-Berlin drei Jahre vor dem Mauerfall kennen, wo man an den Abenden eigentlich auch nichts anderes tut, als in Kneipen zu selbstgedrehten Zigaretten Bier zu trinken. Und er taucht ein in den Literaturbetrieb der Stadt, dessen Eigenarten sich unter dem Einfluss der Gruppe 47 entwickelt haben – also jenes Schriftstellerkollektivs, das in wechselnder Besetzung nach dem Krieg eine neue Sprache, einen neuen Ton für die Gegenwartsliteratur zu finden versuchte und dabei auch nicht vor brutalen Urteilen über jene zurückscheute, die anders waren, die Erwartungen nicht erfüllten, sie unterliefen oder nicht ins Schema passen wollten.

In Tagträumen verliert sich Winterberg immer wieder in Geschichten rund um die Gruppe 47 mit all ihren prominenten Vertretern von Walter Jens über Paul Celan bis hin zu Ingeborg Bachmann oder Peter Handke – und dabei wird ihre prägende Kraft genauso sichtbar wie ihre zerstörerische.

Da ist etwa Walter Mehring, der berühmte deutsch-jüdische Satiriker der Weimarer Republik, dessen Bücher 1933 auf dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennung landeten. Er trug Anfang der 50er Jahre seine Texte vor der Gruppe vor und wurde vom Kritiker Joachim Kaiser dafür mit harten Worten in den Boden gestampft. „Für Mehring“, notiert der Erzähler, „bedeutete das die letzte große Klatsche, die das Land ihm verpasst hatte. Er war fassungslos, dass ihm die Schnösel, die in Deutschland geblieben waren und denen seine Todfeinde Lesen und Schreiben beigebracht hatten – dass diese Karriere-Zyniker ihn jetzt noch einmal mit Spott und Hohn übergießen durften.“

Es gab (und gibt) eine Art der harten, schneidenden, bisweilen vernichtenden Rede über Texte, die von der Gruppe 47 gerichtshofartig praktiziert wurde und die seit einigen Jahren erfreulicherweise auf dem Rückzug ist. Winterberg erlebt es selbst, als eine Frau seines Schreibkurses einen gefühligen Text über ein Naturerlebnis vorträgt und im Anschluss auf eine derart wütende Weise gemaßregelt wird, dass sie zu weinen beginnt. Und Volkers Freund Thomas, der Urheber der Tirade, „sah uns alle mit unschuldigem Lächeln an: ‚Habe ich denn etwas Falsches gesagt?‘“

Klutes Roman schafft noch viel mehr, als ein paar falsche Legenden und Selbststilisierungen der Gruppe 47 zurechtzurücken. Er macht die alte Bundesrepublik mit ihrer etwas schrottreifen Exklave West-Berlin so lebendig, wie man das schon lange nicht mehr lesen konnte. Er behandelt die allgemeinen und alltäglichen Nöte des Erwachsenwerdens so treffend, dass man sich selbst darin wiedererkennt. Seiner Form als Bildungsroman ist er sich dabei sehr bewusst, reflektiert die literarische Tradition, in die er sich damit stellt und spielt souverän damit.

Vor allem aber überzeugt dieses Buch durch seine Formulierungskunst, in der die Tonlagen immer wieder verblüffend wechseln, ohne je das Verkünstelte zu streifen. Und bleibt dabei bis zum letzten Wort witzig und unterhaltsam. Mit anderen Worten: fliegt wirklich schön.

Hilmar Klute, Was dann nachher so schön fliegt. Galiani Berlin, 268 Seiten, 22 Euro.