Daniel Barenboim

Silvester: Berliner Philharmoniker spielen Ravels "Boléro"

Seit 2005 haben die Philharmoniker Ravels „Boléro“ nicht gespielt. Im Silvesterkonzert unter Daniel Barenboim kehrt das berühmte Stück zurück.

Silvesterkonzert in der Berliner Philharmonie

Silvesterkonzert in der Berliner Philharmonie

Foto: Monika Rittershaus / Stiftung Berliner Philharmoniker

In recht gerafftem Tempo beginnt der Schlagzeuger Raphael Haeger aus der Mitte des Orchesters heraus an der kleinen Trommel das Perpetuum mobile des legendären „Boléro“-Rhythmus, neben ihm stellt mit wunderschön abgezirkelten Phrasen Solo-Flötist Emanuel Pahud das Hauptthema vor.

Wie Dirigent Barenboim nur minimal dirigentisch eingreift, wenn doch mal ein Musiker das Tempo zu verschleppen droht, und sonst den seidenmatt klingenden Beschwörungen des „ewigen“ Themas bei seiner Wanderung durchs Orchester lauscht – dies werden am Silvestertag auch die Zuschauer in zwölf live übertragenden Berliner Kinos sowie im Fernsehen verfolgen können. Daniel Barenboims „Boléro“ bei den Philharmonkern ist lustvolle musikantische Gegenwart.

Zu Beginn des Konzerts dagegen fühlt man sich in die späten 1980er Jahre versetzt. Schließlich dirigierte Barenboim damals ziemlich oft vom Flügel aus Mozarts Klavierkonzerte bei diesem Orchester. Mit dem Klavierkonzert D-Dur KV 537 übt sich Barenboim nun in jener Bescheidenheit und hintergründigen Eleganz, die sich hinter dem wuchtigen Beinamen "Krönungskonzert" verbirgt.

Nach nochmal dreißig Jahren Partnerschaft mit den Philharmonikern vermag er eine durchgängig edle und weiche Tonqualität als Klammer um die drei Sätze zu spannen. Einem Jüngeren würde man das vielleicht als verfrühte joviale Ideenlosigkeit auslegen, doch der 76-Jährige hat von diesem einheitlichen Klanggestus aus auch einiges an musikalischen Ideen zu bieten – die nicht immer so überraschend sein müssen wie das Opernzitat in der Kadenz des dritten Satzes.

Mehrfach hat sich Barenboim in diesem Debussy-Jahr als Dirigent französischen Repertoires profiliert – freier als bei seinem eigenen Orchester klingt nun sein Ravel nach der Pause bei den Philharmonikern. Dabei ist der „Boléro“ nicht einmal das aufschlussreichste Stück für dieses innige Verhältnis zum Berliner Spitzenorchester. Ein wenig distanziert erscheint der Hit der „Pavane pour une infante défunte“.

Bei der "Rapsodie espagnole" ist die Klammer um die vier spanischen Tänze nicht der klassizistisch abgehangene Mischklang, vielmehr ist es der von Ravel artifiziell erweiterte Rhythmus dieser Tänze. Ravels vermeintlich versprengte, rhapsodische Einfälle für Hörner, Harfe oder Klarinetten, die bei anderen Interpreten so gar nicht zueinander "passen" wollen, sie werden von Barenboim durch subtiles rhythmisches Gespür zusammengefügt.

Gegen soviel Leichtigkeit setzen Barenboim und die Philharmoniker das von Ravel selbst in dunkle Orchesterfarben gesetzte einstige Klavierstück „Alborada del gracioso“ – neben dem schüchternen, distanzierten Ravel erleben wir zur Jahreswende auch den trotzigen, experimentierwütigen Komponisten, der einen Orchesterklang von tiefster Schwärze erzeugen konnte.

Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker 17:15 Uhr live in 12 Berliner Kinos sowie in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Auf ARTE versetzt ab 18:40 Uhr.