Film

Ein Mann und seine Mission: „Rey“

„Rey“ erzählt von einem vergessenen Herrscher, ist aber vor allem eine experimentelle Reflexion über die Glaubwürdigkeit von Film.

Foto: Real Fiction

Was ist von selbsternannten Heilsbringern zu halten, die ihre Komfortzone verlassen, um vermeintlich Bedürftige von der eigenen Botschaft zu überzeugen? Die Frage stellt sich immer wieder neu, sei es zu Weihnachten oder wenn wie jüngst der US-Amerikaner John Allen Chau seinen Versuch, ein indigenes Volk zu missionieren, mit dem Leben bezahlt. Aktuell also durchaus passend setzt der Film „Rey“ einem vergessenen König von eigenen Gnaden ein kritisches, künstlerisch höchst eigenwilliges Denkmal.

Es geht um den französischen Anwalt Orélie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa), der im Jahr 1860 in Südamerika das Königreich Araucana gründen wollte. Einige von de Tounes Schriften sind erhalten, ebenso das Protokoll eines Gerichtsverfahrens, in dem der chilenische Staat de Tounes revolutionärer Umtriebe anklagt. Auf alles Weitere macht sich der aus Kalifornien stammende und in Chile arbeitende Filmemacher Niles Atallah seinen eigenen Reim.

Er lässt seinen Helden auf einem Pferd durch den nebelverhangenen Regenwald reiten, eher wie ein Gespenst, nicht wie ein Eroberer. Wenn de Tounes den einheimischen Mapuche begegnet und ihnen in sorgsam gelerntem Spanisch seine selbst geschriebene Verfassung samt Nationalhymne und Flagge anbietet, stößt er vor allem auf Irritation. „Rey“ reicht diesen Effekt an sein Publikum weiter, in dem er ästhetisch weit über die Grenzen eines herkömmlichen Biopics hinausgeht.

Der Prozess wird als allegorisches Theater inszeniert. Die Bühne ist ein dunkles Verlies, der Angeklagte, die Wärter und Richter tragen Pappmachémasken, deren starrer Ausdruck im eigentümlichen Kontrast zum Pathos des Vortrags stehen. Vor allem aber experimentiert Atallah, der statt Regie Fotografie und Kunst studiert hat, mit analogem Film. Einen Großteil seines Werks hat er bereits vor sieben Jahren auf 8- und 16mm-Material gedreht und dann im Boden vergraben, um das sich zersetzende Material zu digitalisieren und mit neuproduzierten Szenen zu montieren. So wird aus der Frage, wer dieser Orélie-Antoine de Tounens war, eine experimentelle Reflexion über die Glaubwürdigkeit von Film als historischer Quelle und eine Mediation über Vergänglichkeit, chemische Prozesse, verblassende Farben und die eigentümliche Schönheit von Materialfehlern, die sich bisweilen all zu sehr an sich selbst berauscht.

Dass jemand den unter Kolonialherrschaft geratenen indigenen Völkern politische Autonomie zurückgeben will und sich dabei selbst zum Kolonialherrscher aufschwingt, wird als Widerspruch deutlich kritisiert. Trotzdem erliegt „Rey“ auf mitunter rührend naive Weise der Faszination eines Mannes mit einer Mission. Zur Ikone stilisiert, spiegelt sich in dem schillernden Glanz dieses Films auch der Glaube daran, dass ein Einzelner durchaus die Macht haben kann, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Drama Chile/F/D/NL/Katar 2018 91 min., von Niles Atallah, mit Rodrigo Lisboa, Claudio Riveros