Film

Eine Frau schreibt sich frei: „Colette“

Sie ist etwas in Vergessenheit geraten, jetzt bringt ein Biopic sie wieder in Erinnerung: „Colette“ mit einer starken Keira Knightley.

Foto: DCM

Als Marlene Dietrich 1930 in ihrem ersten Hollywoodfilm „Marokko“ einen Herrenanzug trug und mit Männlein wie Weiblein flirtete, löste das erst einen Skandal aus und dann eine Modewelle. Alle Frauen wollten plötzlich Hosen tragen. Ganz neu war das indes nicht. So rebellisch und selbstbewusst anders hatte sich zuvor schon, zumindest in der Alten Welt, Colette gegeben. Die Romanautorin, Journalistin und Varieté-Künstlerin (1873- 1954) ist die berühmteste Autorin der französischen Literatur und war die erste Frau, die man in Frankreich mit einem Staatsbegräbnis ehrte.

Ihr Name ist in letzter Zeit allerdings etwas in Vergessenheit geraten. Auch wenn ihr Leben schon mehrfach verfilmt wurde. Und auch wenn Stephen Frears 2009 mit „Chéri“ noch mal eins ihrer Bücher mit Starbesetzung verfilmte. Ein neues Biopic, „Colette“, holt sie nun wieder zurück ins Rampenlicht. Dafür sorgt zum einen Keira Knightley, die ihre Rollen einmal mehr bewusst und kämpferisch auswählt. Zum anderen aber auch die #MeToo-Debatte, die die frühe Befreiungsgeschichte in neuem, ganz aktuellem Licht erscheinen lässt.

Die Frau im Schatten ihres Gatten

Sie war ein Mädchen vom Lande, diese Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, die von der Stadt träumte und diesen Traum erst mal verwirklicht sah, als sie den doppelt so alten Henry Gauthier-Villars ehelichte. Ein Bonvivant, der zur Pariser Gesellschaft gehörte und unter seinem Künstlernamen Willy Musikkritiken, Feuilletons und Romane schrieb. Dafür ließ er allerdings Ghostwriter für sich schreiben, die er mehr schlecht als recht bezahlte, weil er das Geld mit vollen Händen ausgab. Als ihm wieder mal das Wasser bis zum Hals steht und seine Autoren streiken, setzt sich einfach die Gattin hin. Und schreibt, in Ich-Form, einen Frauenroman über eine gewisse Claudine vom Lande, die sein größter Erfolg werden soll.

Wohlgemerkt: sein Erfolg. Denn das Buch erscheint unter seinem Namen, die Gesellschaft feiert ihn dafür. Claudine wird zur Mode, zur Marke, zur Frisur, zum Parfüm. Alle Frauen wollen plötzlich Claudine sein. Und bieten sich dem vermeintlichen Verfasser offen an. Die Gattin genießt in dieser Ehe für damalige Zeiten durchaus ihre Freiheiten: Weil er fremdgeht, darf sie es auch. Dass sie ihre Neigung zum eigenen Geschlecht entdeckt, wird von Gauthier-Villars sogar gefördert. Wenn das Geld wieder klamm wird, schließt der Gatte sein Frauchen allerdings ein und lässt sie erst wieder raus, wenn sie eine weitere Claudine-Fortsetzung geschrieben hat. Und will ihr sogar eine freizügige Varieté-Tournee mit einer sich offen bekennenden Lesbierin verbieten, wenn er neuen „Stoff“ für seinen Verlag braucht.

Der Brite Wash Westmoreland ist das, was man einen „Frauenregisseur“ nennt. Schon mit dem Alzheimerdrama „Still Alice“ hat er, gemeinsam mit seinem Mann Richard Glatzer, gezeigt, mit wieviel Feingefühl er sich in eine komplexe Frauenfigur hineinversetzen kann. Das beweist er in „Colette“, seinem ersten Film nach Glatzers Tod, dessen Drehbuch er gleichwohl noch mit ihm geschrieben hat, erneut.

Sein von Dominic West gespielter Gauthier-Villars ist keineswegs nur ein herrischer Patriarch, man versteht durchaus, was die junge Frau an ihm findet. Aber irgendwann wächst sie über diesen Mann hinaus. Und, das zeigt dieser Historienfilm sehr schön, überall bricht ein neues Zeitalter an, mit elektrischem Licht, mit Hochrädern, mit bewegten Bildern. Wieso soll sich eine Frau da weiter dem Mann unterordnen?

Es beginnt ein schwieriger Selbstfindungsprozess. Kleidungstechnisch hat die Frau schon bald die Hosen an. Aber sie muss auch lernen, zu sich zu stehen und ihren Namen, den sie selbstbewusst zu Colette verkürzt, als Urheber all dieser Bücher durchzusetzen. Und da hört der Spaß bei ihrem Gatten dann doch auf.

Literatur hat derzeit Hochkonjunktur im Kino. Nicht mit Romanverfilmungen, sondern mit deren Verfassern. Nach „Astrid“ über die junge Astrid Lindgren, „Charles Dickens: Der Mann der Weihnachten erfand“ und erst vor einer Woche „Mary Shelley“ erzählt „Colette“ das Leben der Autorin wie einen Claudine-Roman. Was ja nicht falsch sein kann, da Colette unverbrämt eigene Erfahrungen zu einem allgemeingültigen Frauenschicksal verdichtete.

Während die jüngsten Filme über literarische Schaffensprozesse aber ihr Thema entweder verzuckerten („Dickens“) oder in Prüderie kaschierten („Shelley“,) gibt sich „Collette“ sehr freizügig und offen. Da geht eine Frau unbeirrt ihren Weg, mit den Waffen ihres Geschlechts. Eine weitere Paraderolle für Keira Knightley, die irgendwie auf Historienfilme abonniert scheint und diese doch immer wieder in Monumente frühmoderner Frauen zu verwandeln weiß.

Drama USA/GB 2018 111 min., von Wash Westmoreland, mit Keira Knightley, Dominic West, Eleanor Tomlinson, Fiona Shaw.