Konzertkritik

Im Herzen ist Rainald Grebe wohl ein Punk

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Sebastian Blottner

Foto: pa

Rainald Grebe gab vor Heiligabend eine Show in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und trieb dem Publikum die Besinnlichkeit aus.

Berlin. Ein Weihnachtskonzert, auf dem eine Sogenannte Anarchistische Musikwirtschaft Brechts Solidaritätslied spielt, der HardChor Ella Gundermann singt, „Prenzelberger Atzen“ über den Ausverkauf ihres Kiezes rappen und Thomas Quasthoff Helene Fischer covert? Das ist doch einmal erfrischend anders und möglich, wenn Rainald Grebe Gastgeber ist. Der hatte einen Tag vor Heiligabend eine vierstündige Show in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz angesetzt und trieb dem ausverkauften Haus zusammen mit zahlreichen Bühnengästen noch kurz vor dem Fest jede Besinnlichkeit aus.

Musikkabarettist Grebe ist dem breiten Publikum mindestens mit seiner Brandenburg-Hymne bekannt, in der er sich mit Reimen á la „Da stehen Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum verprügeln“ über eine neuerdings zur „Weingegend bei Berlin“ geadelte Region mokiert, wie er sie ironisch nennt. Grebe hat für solche unverblümten Gesellschaftssatiren in Liedformat diverse Kleinkunst-, Kabarett- und andere Preise bekommen und tritt natürlich nicht an, sein Publikum mit Feiertagsgedusel besoffen zu machen.

Das Fest der Liebe wird bei ihm aufs Herrlichste zugrunde gerichtet, gerät absichtlich unter die Räder. Auf spießigen Scheiß kann einer wie Grebe nur spucken. Was man wörtlich nehmen darf, denn wenn er die rabenschwarze Parodie eines Aufsteigers singt, der jetzt „Oben“ ist, spuckt er tatsächlich auf die Plebs im Saal hinunter. Grebe ist gelernter Puppen- und Schauspieler und scheut nicht zurück vor zwingenden Gesten, wenn die Rolle es erfordert. Ebenso zwingend fesselt er sein Publikum.

Rainald Grebe überzeugt als Entertainer

Im Herzen ist Grebe wohl ein Punk. Ein Punk fürs Theater, mit achtlos gebundenem Schlips und weißem Hemd über der Adidas-Jogginghose. Ein meisterhafter Entertainer, dem keine Aussage zu krass ist, wenn sie denn Anspruch auf Richtigkeit erheben kann. Er ätzt mit beinharten Reimfragen gegen „das Volk“ und lässt es, respektive das Publikum, jede Antwort auch noch selbst grölen. Er fragt sich, wo man denn heute hinfahren könne, wenn man es noch richtig Scheiße haben will, und besingt daraufhin Albanien, „wo der Kaffee löslich ist, die Probleme nicht“. Und obwohl er ja weiß, dass man es nicht macht, gibt er ganz nebenbei doch noch einmal kurz die Adresse von Beatrix von Storch an der Zionskirchstraße 3 bekannt, einfach, weil diese Wohngegend so gar nicht zu den Multikulti-Phobien von AfD-Einpeitschern passen mag.

Auf einem Bürostuhl rollt Grebe über die Bühne, bringt mit leicht irrem Blick und hervorquellenden Augen seine bitterbösen Schraddeleien über Sachsen-Anhalt oder das Spießertum, die Lachhaftigkeit des 20. Jahrhundert oder die „Drecksbiologie“ zu Gehör, die einen immer älter werden lässt. Zum Einstieg „feiert“ er all die vermeintlich historischen Momente ab, die uns laut Medien so ereilen, und tut selbstredend auch seinen Auftritt darunter.

Anschließend steigert sich sein „Multitasker“ zu einer wilden Polka, doch zuvor hat der Pankower HardChor Ella den Abend eröffnet, sicherlich bewusst mit nicht explizit christlichen Weihnachtsliedern sowie mit Liedgut von Becher und Eisler. Es ist ein Konzert mit Gästen und auf der Bühne ist immer etwas los, je nachdem welche Gästegruppierung neben der Band gerade auf- oder abgeht. Der Chor spielt eine wichtige Rolle, das Blechbläserensemble Sogenannte Anarchistische Musikwirtschaft rockt mit und auch ein Akkordeon-Sextett ist angereist. Dazu kommen Gastauftritte von der Berlinerin Masha Qrella, einem Zirkus- und einem jungen Rap-Duo sowie von Starbariton Thomas Quasthoff, mit dem Grebe befreundet ist.

Letzterer schießt den Vogel ab, als er „Atemlos“ von Helene Fischer zum Besten gibt. Ein Lied, das ohne bombastische Schlagersounds, vorgetragen ‚nur’ mit dieser ins Mark dringenden Stimme und eingedampft auf den höchst lächerlichen Text ungeahntes satirisches Potenzial freisetzt. Die Volksbühne bebt vor Lachen.

Nach der Pause kommt Grebe mit seinem berühmten Indianerfederschmuck an und singt weiter über das Singledasein in Berlin oder den zum Kotzen spießig gewordenen Prenzlauer Berg. Dass er den noch ganz anders kennt, beweist er mit einem „Diavortrag“, bei dem er mit einem Laserpointer auf nichtexistenten Bildern herumfährt und über die alten Zeiten schwadroniert. Die 1990-er Jahre, als ein Wanddurchbruch und ein Kasten voller Bier bereits eine Kneipe darstellten, als es noch Clubs wie den Eimer gab oder das Tacheles.

Ein großartiger Moment kommt, wenn Grebe solo hinter der Orgel sitzt. Wie bei seiner musikalischen Vergleichsstudie zu Morgenland und Abendland, in der er intelligent mit jeglichen denkbaren Klischees spielt und mehr zu gewissen aktuellen Debatten beiträgt als alle Talkshows des Jahres. Was wäre einer so genialen Wortschöpfung wie „Abendlandser“ noch hinzuzufügen?

Das bevorstehende Fest wird lediglich in Form eines kabarettistischen Abgesangs auf den ewigen Kommerz von Januar bis Dezember thematisiert, die verordnete „Vor-, Voll- und Nachfreude“. Doch zum Glück war dieses „Weihnachtskonzert“ trotz Chorgesanges und Bläserensemble alles andere als weihnachtlich. Wer braucht schon Jesus, wenn er Rainald Grebe haben kann.