Schriftsteller-Jubiläum

Wie Theodor Fontane seine starken Frauen fand

Robert Rauh hat ein Buch über Protagonistinnen aus Fontanes Romanen geschrieben. Dafür reiste er zu den Originalschauplätzen.

Grete Minde, Effi Briest, Jenny Treibel - Theodor Fontane hatte ein Faible für starke Frauenfiguren.

Grete Minde, Effi Briest, Jenny Treibel - Theodor Fontane hatte ein Faible für starke Frauenfiguren.

Foto: Getty Images / De Agostini/Getty Images

Neuruppin.  Robert Rauh erinnert sich noch daran, dass er „Effi Briest“ in seiner Schulzeit lesen musste. Er selbst würde Elftklässlern, für die der Stoff heute noch Pflicht ist, den Fontane-Klassiker anders nahebringen. Eine verheiratete Frau, die für ihren Seitensprung mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft wird, der die Kinder entzogen werden, die selbst den Liebhaber verliert, weil ihn der gehörnte Gatte im Duell tötet – für Rauh hat dieses Thema nichts an Aktualität verloren.

„Stichwort Ehrenmorde“, sagt der Berliner und stellt auch gleich die Frage nach der Bedeutung von Liebe und Treue. Er würde auch diskutieren wollen, ob es Frauen heute noch genauso gehe wie zu Effis Zeiten, „dass diejenigen, die sich ihr Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität nehmen, eher in Verruf geraten als ein ähnlich agierender Mann“. Doch Rauh muss aktuell keinen Abiturstoff im Fach Deutsch vermitteln. Der Pädagoge, der 2013 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet wurde, hat „Effi“ vielmehr in seiner Eigenschaft als Historiker wiederentdeckt. Und nicht nur sie: Gleich fünf Frauengestalten des gebürtigen Neuruppiner Romanciers Theodor Fontane (1819-1898) hat er nachgespürt. Das Ergebnis: sein aktuelles Buch „Fontanes Frauen“.

„Vielfach nutzte Fontane für seine literarischen Frauengestalten reale Vorbilder“, erzählt Rauh. Die eigene Tochter Martha taucht als Corinna Schmidt im Roman „Frau Jenny Treibel“ auf, Margarete von Minden als Grete Minde in der gleichnamigen Novelle, Karoline de La Roche-Aymon tritt als Gräfin Amelie von Pudagla im Roman „Vor dem Sturm“ und als Prinzessin Goldhaar im ersten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auf. Und die wilde, dreifach geschiedene „Krautentochter“, die Fontane im Sonderband „Fünf Schlösser“ verewigt hat, orientiert sich am Leben der Charlotte von Arnstedt.

Was diesen Frauen gemeinsam ist: „Sie haben alle einen Knacks weg“, sagt Rauh und beruft sich auf eine gleichlautende Äußerung Fontanes. Der schrieb seinerzeit: „Der normale Mensch will leben, will weder fromm noch keusch noch sittlich sein.“ Nicht um ihrer Tugenden, sondern „um ihrer Schwächen und Sünden willen“ habe Fontane die Frauen geschätzt. „Mich haben vor allem die realen Schicksale interessiert“, begründet Rauh seine Spurensuche.

Die Vorbilder hatten ein ereignisreiches Leben

Den Anstoß habe die Lebensgeschichte der realen „Effi“ gegeben. Bei der handelte es sich um keine Geringere als Elisabeth Baronin von Ardenne, geborene von Plotho, die Großmutter des bekannten DDR-Wissenschaftlers Manfred von Ardenne. „Anders als Fontanes Effi, die seelisch gebrochen mit nur 30 Jahren stirbt, wurde Elisabeth von Ardenne 98 Jahre alt, erlernte den bürgerlichen Beruf einer Krankenpflegerin, agierte trotz ihrer Lebenskrise unabhängig und selbstbestimmt“, sagt Rauh.

Die Lebenswege der Vorbilder seien oft noch ereignisreicher gewesen als die der erdichteten Personen, hat er bei seinen umfangreichen Recherchen in Archiven und Bibliotheken festgestellt. Er ist dabei sogar auf zwei unveröffentlichte Handschriften von Elisabeth von Ardenne gestoßen. „Ich wollte über den topografischen Zugriff auf die Originalschauplätze die Geschichte dieser Frauen erzählen“, beschreibt der Historiker sein Konzept.

Er setzte sich ins Auto, fuhr unter anderem nach Zerben in Sachsen-Anhalt, dem Geburtsort Elisabeths, nach Waren an der Müritz zum Sommerhaus Marthas oder ins brandenburgische Köpernitz, wo Karoline de La Roche-Aymon lebte. Das Ziel: „Jene zu treffen, die das Erbe bewahren, die Zeugnis geben können, ihre eigenen Interpretationen beisteuern mögen.“ Rauh traf Museumsleiter, Vereinsmitglieder, Stadtführer, Kunstprofessoren, Ortschronisten, Fontane-Fans „oder einfach nur Ortsansässige“. Und hat sie ausgefragt. „Einige waren anfangs skeptisch, andere haben mich sofort unterstützt“, erinnert er sich beispielsweise an Bernd Donner. Der „Lord Schlüsselbewahrer“ des Gutshauses Köpernitz, in dem die Gräfin Goldhaar einst lebte, empfing Rauh mit offenen Armen. Sogar einen Zeitzeugen, der Elisabeth von Ardenne noch als Jugendlicher in Lindau kennenlernte, machte Rauh aus – und hat damit die Fontane-Forschung um etliche Details bereichert.

Derzeit ist Rauh auf Lesetour, arbeitet zugleich an einem weiteren Band: Das Ruppiner Land durchstreift er auf den Spuren Fontanes. Mit dem Porträtfotografen Jonas Becher hat er sich einen ehemaligen Schüler an die Seite geholt, der für das neue Buch Schwarz-Weiß-Bilder liefern wird.

Im Fontane-Archiv in Göttingen hat er zudem die digitalisierten Notizbücher Fontanes eingesehen, die weit mehr lieferten als die veröffentlichten „Wanderungen“. „Und das alles nebenbei, in meinen Ferien.“ Er komme an seine Grenzen, gesteht der Pädagoge Rauh. Aber der Forscherdrang treibe ihn an. „Ich bin sogar auf Schwindeleien Fontanes gestoßen“, erzählt er. „In zwei Orten im Ruppiner Band ist der Mann, der lieber Kutsche fuhr als zu Fuß unterwegs zu sein, definitiv nicht gewesen – anders, als er es seinen Lesern vermittelt.“

Von Fontane komme er einfach nicht los, sagt Rauh und erinnert sich an eine Episode aus seiner Studienzeit. „1991 stand das Schloss Hoppenrade zum Verkauf, war völlig zerfallen, der dort zu DDR-Zeiten beheimatete Konsum und der Jugendklub waren bereits ausgezogen.“ Rauh nutzte die Chance und suchte mit einem Freund Einlass ins leer stehende Gebäude. „Ich hatte gelesen, dass Fontane das Treppenhaus in einem seiner Bände genauer beschreibt. Davon wollte ich mich selbst überzeugen.“

Es gibt zahlreiche Lesungen in Berlin und in Brandenburger Städten wie Königs Wusterhausen, Neuruppin, Rheinsberg, Ribbeck und Strausberg. Informationen unter: http://fontanes-wanderungen.de/