Geburtstag

Hanna Schygulla und die Kunst des Tagträumens

Sie war Fassbinders Muse und ist eine der prägendsten Schauspielerinnen des europäischen Films. Am 25.12. wird Hanna Schygulla 75.

Nach 30 Jahren kehrte Hanna Schygulla nach Deutschland zurück - und zog nach  Berlin

Nach 30 Jahren kehrte Hanna Schygulla nach Deutschland zurück - und zog nach Berlin

Foto: Reto Klar

Berlin. Sie ist die große Somnambule des deutschen Films. Das möge man bitte nicht falsch verstehen. Im Gegenteil, es ist das, was Hanna Schygulla ausmacht, was sie unterscheidet und hervorhebt vor all den anderen großen Schauspielerinnen. Dieser verklärte Blick, ihre ganze immer irgendwie entrückt wirkende Erscheinung, das Spielen wie in Trance und dazu diese Stimme, die etwas monoton klingt und doch auch wie ein magischer Singsang: Traumtänzerisch und doch hellwach, tranceartig und doch präsent: Das ist der Schygulla-Effekt. Nicht umsonst hat sie ihre Autobigrafie „Wach auf und träume“ betitelt. Ihre große Kunst ist die des Tagträumens. Damit wurde sie erst zur Fassbinder-Muse, dann zum Gesicht des Neuen Deutschen Films und schließlich zur Ikone des europäischen Kinos.

Dabei war dieser Weg keineswegs vorgezeichnet. Der Zufall habe sie geführt, wie sie das selbst in ihrer Autobiografie nennt. Der Zufall wollte, dass sie in München auf der Schauspielschule einem jungen, wilden Mann begegnete, der meinte, er werde mal Filme machen, und sie sein Star. Dieser Mann war Rainer Werner Fassbinder, und er sollte Wort halten.

Sie war eigentlich längst von der Schauspielschule abgegangen, aber er erinnerte sich an ihr Gesicht. Und brachte sie an sein „Action-Theater“, aus dem das legendäre „Antiteater“ hervorging, dem sie mit der ihr eigenen Herangehensweise, diesem betonten Wirken als Antistar kongenial gerecht wurde. Bald schon erfüllte Fassbinder seine Prophezeiung und drehte auch Filme. Allein von 1969 bis 1974 entstanden 20 Filme, und bis auf eine Ausnahme war die Schygulla immer dabei.

Die beiden verband eine enge Verbindung, wenn die auch, wie sie später betonte, immer rein platonisch war. Von dem exzentrischen Kreis um Fassbinder, der sein Team wie ein Guru um sich hielt und mit Machtspielchen quälte, wusste sie sich fernzuhalten. Nach „Fontane Effi Briest“ kam es 1974 zum Bruch mit dem Regie-Genie. Aber die Auszeit, sie hielt nicht lange. Fassbinder schenkte ihr nur vier Jahre später mit „Die Ehe der Maria Braun“ ein fulminantes Comeback. Es wurde einer ihrer größten Erfolge, für den sie auf der Berlinale einen Silbernen Bären erhielt.

Seit Fassbinders allzu frühem Tod zählt sie zu einer der vier „Witwen“ des Genies, neben Irm Hermann, seiner zweiten Dauerschauspielerin, neben Ingrid Caven, mit der Fassbinder kurz verheiratet war, und Juliane Lorenz, seiner Cutterin, die heute die Fassbinder Foundation leitet und, sehr zum Verdruss der anderen drei Damen, die Deutungshoheit über dessen Werk und Vermächtnis beansprucht.

Schygulla hatte sich da aber längst weiterentwickelt, hat nicht diesen Bruch wie andere Fassbinder-Stars erlebt. Sie spielte nicht nur für andere Größen des deutschen Autorenfilms, Volker Schlöndorff und Wim Wenders, sondern auch international unter Andrzej Wajda, Carlos Saura, Jean-Luc Godard. Sie wurde verehrt als „aufregendste Schauspielerin Europas“, wurde einer der ganz wenigen deutschen Weltstars. Und wie um dem Kleinklein des Fassbinder-Clans zu entkommen, ist sie Deutschland verloren gegangen, zog sie, wie einst Marlene Dietrich und Romy Schneider, nach Paris.

Das alles war nicht abzusehen, als Hanna Schygulla am 1. Weihnachtsfeiertag 1943 in Oberschlesien geboren war. Sie war erst zwei, als ihre Mutter mit ihr aus Kattowitz in den Westen fliehen musste, ein Flüchtlingskind, heimatlos, irgendwo zwischendrin, im Nirgendwo. Den Vater hat sie erst Jahre später kennengelernt, als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Er blieb ein Fremder, konnte sie nicht in den Arm nehmen. So habe sie „in der Luft gehangen“, ein Gefühl, wie sie meint, das sie zeit ihres Lebens begleitet hat. Daher ihre Tagträumerei, die freilich auch mit einem großen Dickkopf, einer Lust zur Provokation einherging: „Ich bin als Kind gern aus der Rolle gefallen, bevor ich später in die Rollen gefallen bin.“

Freilich, auch die Rolle des Stars, der sie dann doch geworden ist, legte sie schließlich ab. In den 90er-Jahren zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Was, wie man erst später erfuhr, daran lag, dass sie über zwei Jahrzehnte ihre Eltern pflegte. Die, meinte sie, seien über den Krieg im Leben zu kurz gekommen: „Das wollte ich, so gut ich konnte, zum Ende noch ausgleichen.“

Dem hat sie ihre Karriere geopfert. Hat aber eine zweite, kleinere Kunstform für sich entdeckt, das Chansonsingen oder, in ihrem Fall, eher -rezitieren, mit dem sie vor allem in Frankreich gefeiert wurde. Der Preis war indes, dass sie den Anschluss an die „großen“ Regisseure verpasst hatte und nun, in reifen Jahren, vor allem mit jungen Nachwuchskräften arbeitet. Für die sie freilich eine große Neugierde mitbringt.

Vor fünf Jahren, zu ihrem 70. Geburtstag, verkündete Schygulla, noch mal einen großen Schritt zu wagen. Wegzuziehen aus Paris, zurückzukehren nach Deutschland, nach Berlin zu ziehen, wo sie zuvor noch nie gelebt hat. Den ersten Schritt hat sie gemacht, zog in eine WG mit deutlich Jüngeren, das zweite Standbein hat sie trotzdem noch nicht verlassen. Irgendwo zwischendrin, das bleibt ihre Lebensart.

Reif ist sie geworden, mit ihrer wilden grauen Mähne, und fülliger. Sie steht zu ihrem Alter. Und kann nicht verstehen, warum all die Kolleginnen in ihrem Beruf sich das Gesicht retuschieren lassen. „Ich lehne es ab, das Alter wegoperieren zu lassen“, sagt sie kämpferisch: „Eine Frau kann im Alter ihre zweite oder dritte Schönheit entfalten.“ Voraussetzung dafür sei allerdings eine „gewisse Wahrhaftigkeit, eine Zufriedensicht, die sich einstellt. Weil du manches nicht mehr zu erleben braucht, du hast es ja schon erlebt.“

Wenn sie am 25. Dezember ihren 75. Geburtstag feiert, will sie das im kleinsten Kreise tun, nur mit ihren Berliner Freunden. Liebte sie früher das Tagträumen, so lebt sie heute stärker im Hier und Jetzt. Und engagiert sich für Flüchtlinge, war etwa beteiligt an der Initiative „For a Thousand Lives: Be Human“ und plädiert dafür, Flüchtlingen eine Chance zu geben. Das ist ihr ein wichtiges Anliegen, war sie doch selbst ein Flüchtlingskind. Und das Nirgendwo in der Fremde ihre Grunderfahrung.