Philharmonie

Die Wiener Philharmoniker zu Gast in Berlin

"Hommage an die Wiener Philharmoniker": Das Orchester bespielt das Konzerthaus in diesen Tagen gleich mit einem ganzen Festival.

Die Wiener Philharmoniker Christoph Koncz (l.) und Daniel Froschauer (r.) mit Konzerthaus-Chef Sebastian Nordmann.

Die Wiener Philharmoniker Christoph Koncz (l.) und Daniel Froschauer (r.) mit Konzerthaus-Chef Sebastian Nordmann.

Foto: David Heerde

Berlin. Wiener Blut pulsiert im Rhythmus der Musik. Mozart, Haydn, Bruckner und Lehár stammen aus Österreichs Hauptstadt. Wiener Klassik, Wiener Walzer – viele Begriffe der Musikgeschichte sind untrennbar mit der Donaumetropole verbunden. Die Website der Wiener Philharmoniker nennt Wien ganz selbstverständlich die „Hauptstadt der Musik“.

„Moment mal“, sagt jetzt der Berliner Musikfreund. Auf den Titel erhebt man an der Spree natürlich auch Anspruch. Die Rivalität zwischen den beiden großen Musikstädten und ihren Philharmonikern ist legendär. Wilhelm Furtwängler entschied sich gegen Wien und für Berlin. Dasselbe wiederholte sich mit Herbert von Karajan. In den 50er-Jahren etablierte er die Berliner Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen, einer Domäne des Wiener Orchesters. Dass der Gründervater der Wiener Philharmoniker, Otto Nicolai, ausgerechnet ein Preuße war, gehört zur Ironie der Geschichte.

Eine „Hommage an die Wiener Philharmoniker“, wie sie das Konzerthaus bis zum 23. Dezember präsentiert, ist etwas ganz Besonderes. Die Wiener waren in den vergangenen Jahren öfter in Berlin, haben im Konzerthaus, in der Staatsoper und auch in der Philharmonie gespielt. Ein ganzes Festival mit Wiens Spitzenorchester, seinen vielfältigen Kammermusikformationen, Film, Vortrag und Festschrift hat es aber noch nicht gegeben.

„Es gibt in Europa Platz für mehrere Spitzenorchester"

Fühlt man sich da nicht ein bisschen wie in der Höhle des Löwen? Die Musiker lachen die Frage weg. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, meint der Geiger Christoph Koncz, und Orchestervorstand Daniel Froschauer fügt hinzu: „Es gibt in Europa Platz für mehrere Spitzenorchester, das ist doch etwas Schönes und Befruchtendes. Es ist großartig, immer wieder auch andere Kolleginnen und Kollegen zu hören. Danach bemüht man sich noch mehr. Das ist ein bisschen wie beim Sport.“

Im Gespräch wirken die Wiener Philharmoniker durchaus wie Verwandte der Berliner Philharmoniker: selbstbewusst, eloquent und im Einklang mit ihrer großen Orchestergeschichte. Gerade die Wiener Philharmoniker haben auf ihre Tradition immer den größten Wert gelegt. „Ich lese gerade Toscaninis Biografie, in der unser Orchester oft vorkommt. Es ist in der Musikgeschichte so präsent, dass man gar nicht weiß, was man zuerst lesen soll“, sagt der Orchestervorstand und Primgeiger Froschauer. Das in 100 Länder der Erde übertragene Neujahrskonzert ist wohl das bekannteste Format der klassischen Musik.

Die Wiener verzichten auf einen Chefdirigenten

Natürlich hat die Tradition auch ihre Schattenseiten. Die nationalsozialistische Vergangenheit hat die Wiener Institution lange nicht aufgearbeitet. Das Frauenthema kam hier sehr viel später als an anderen Orten zur Sprache. Ein gutes Dutzend weiblicher Mitglieder hat das Orchester inzwischen.

Die Wiener sind stolz auf ihre Flexibilität als Konzert- und Opernorchester. „Soziales Engagement war von Anfang an wichtig“, betont Froschauer. Einzigartig sind die speziellen Instrumente – das Wiener Horn, die Wiener Pauke, die Wiener Oboe – die den goldsamtenen Klang begründen. Eine besondere Eigenheit ist, dass die Wiener ohne Chefdirigenten spielen.

Demokratie und Selbstverwaltung werden großgeschrieben. Darin ähneln sie den Berlinern. „Wir haben einen Reiseleiter, einen Kartenverwalter und einen Kammermusikbeauftragten. Als Orchestervorstand muss ich 148 sehr starke Meinungen unter einen Hut bekommen. Das Wichtigste aber ist ein gemeinsames Interesse: dass wir abends das beste Konzert unseres Lebens spielen“, meint Froschauer.

Wenn man ein Konzert der Wiener Philharmoniker besucht, blickt man in viele junge Gesichter. In den letzten zehn Jahren hat das Orchester einen Generationswechsel erlebt. „Früher kamen die Musiker eher aus den Ländern der alten Monarchie. Jetzt sind wir internationaler geworden“, freut sich der Geiger Christoph Koncz. Beim Festival im Konzerthaus gibt er ein Konzert mit seinem Bruder, der bei den Berliner Philharmonikern spielt. Die Beziehungen sind vielfältig. Auch im Ensemble Philharmonix spielen Wiener und Berliner Philharmoniker.

Wiener Philharmoniker spielen von Walzer bis Jazz

Nach dem Orchesterkonzert mit Riccardo Muti folgt am Freitag ein Brahms-Abend mit Franz Welser-Möst. Das Besondere an dem Festival im Konzerthaus ist, dass die Wiener Philharmoniker die ganze Vielfalt ihrer Kammermusik-Ensembles vorstellen. Da gibt es traditionelle Ensembles mit Schrammelmusik, Walzer und Polkas, aber auch Jazz mit dem Trio 68 und „Vienna Is Calling You“ mit einem erstaunlichen Stilmix der „jungen Wilden“ des Orchesters.

Bei aller Traditionsschwere sind die Wiener experimentierlustiger, als man denken würde. Ohne zu zögern, haben sie sich auf das 360-Grad-Format des Konzerthauses eingelassen, bei dem das Orchester ohne Dirigenten spielt und das Publikum dicht um die Musiker herum sitzt. „Das war ein Riesenerlebnis für mich“, gesteht Daniel Froschauer.

„Lebendige Tradition ist ein treffender Begriff“, so Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann. Im Konzerthaus hat das Orchester eine besondere Tradition. „Gleich nach der Wiedereröffnung des Hauses 1984 haben sie als eines der ersten externen Orchester mit Leonard Bernstein hier gespielt“, erklärt Nordmann die Bedeutung, die das Orchester in der DDR hatte. „Menschen standen in Schlangen um das Konzerthaus, alle wollten hinein.