Berliner Ensemble

Tracy Letts: „Grauenhaft, was in den USA passiert“

Tracy Letts dreht mit Meryl Streep und schreibt preisgekrönte Theaterstücke. Sein „Wheeler“ wird am Berliner Ensemble gezeigt.

US-Schauspieler und Dramatiker Tracy Letts kam zur Premiere seines Stückes ans Berliner Ensemble.

US-Schauspieler und Dramatiker Tracy Letts kam zur Premiere seines Stückes ans Berliner Ensemble.

Foto: Anikka Bauer

Das Schwerste ist der Kampf mit den Dämonen. Die sitzen auf seinen Schultern, rechts und links, und gucken genau, was er tut. Wenn er an einem neuen Stück sitzt und die erste Zeile tippt, raunen sie ihm leise ins Ohr: „Das taugt nichts, lass es lieber.“ Um überhaupt irgendwas zu schaffen, muss er sie also von seinen Schultern verscheuchen. „Und das ist hart“, sagt der Autor und Schauspieler Tracy Letts und zieht seine Augenbrauen hoch. Gut, dass er das schon einige Male fertiggebracht hat. Gerade erst bei „Wheeler“, das am Sonntag seine Premiere im Berliner Ensemble hatte – deswegen ist Letts aus Chicago auch nach Berlin gereist.

Und bei seinem bisher populärsten Stück, „Eine Familie“, das auch am BE zu sehen ist. Für das hat er den Pulitzerpreis gewonnen. Als „Im August in Osage County“ wurde es von ihm für die Kinoleinwand aufbereitet, es hat Julia Roberts und Meryl Streep Oscarnominierungen eingebracht. Und Letts ziemlich berühmt gemacht.

Er steht gern auf der Bühne, nur nicht in seinen Stücken

Dass BE-Intendant Oliver Reese ein Fan seiner Stücke ist, das verrät schon der Spielplan: Da finden sich mittlerweile gleich drei Stücke von Letts, mehr als von Shakespeare. Reese schätzt seine Dialoge, sagt er. Denn Letts wisse, wie man was auf der Bühne sagt. Vielleicht weil er selbst spielt. In der preisgekrönten CIA-Serie „Homeland“ zum Beispiel, im oscarnominierten Drama „Lady Bird“ oder neben Tom Hanks in Steven Spielbergs Historiendrama „Die Verlegerin“.

Bloß in selbst geschriebenen Stücken nicht. „Ich habe kein Interesse daran“, sagt er und fügt an: „Wenn ich eine Rolle für mich schriebe, wäre ich sehr gehemmt beim Spielen. Ich mag es, wenn der Künstler hinter den Figuren und dem Stoff verschwindet.“ Wer einen Film von Letts gesehen hat, der weiß: Genauso spielt Letts. Seine Figuren stellt er so unterschiedlich dar, mal durchtrieben, mal sanft, mal rührig, dass man schnell vergisst, dass hinter allen die gleiche Person steckt, Letts.

Um eins seiner Stücke in Berlin zu sehen, ist er nun zum zweiten Mal ans BE gekommen. „Aber ich bin nicht hier als ein Cop, der die Inszenierungen überwacht. Sondern als Fan und Bewunderer“, sagt Letts. Auch wenn er den Text nicht versteht, haben ihm die Stücke gefallen. Vielleicht weil der 53-Jährige den Autorenstolz in seiner Heimat zurückgelassen hat – immerhin verfolgen Autoren häufig eher mit verzogenen Gesichtern die Aufführung ihrer Stücke. Vielleicht mag Letts aber auch einfach das Berliner Publikum. „Die deutschen Zuschauer sind viel leiser als Amerikaner. Die lachen laut, sie husten laut, sie atmen laut“, sagt er.

Die Inszenierung seines neuesten Stückes, „Wheeler“, das in das vermurkste Leben eines 50-jährigen Durchschnittsmannes guckt, hat nicht allen so gefallen wie Letts selbst. Es sei ein Stück über einen jener alten, weißen Männer, die sich in Selbstmitleid suhlen und jüngeren Frauen hinterhersabbern, lautete etwa eine Kritik. Hat man nicht spätestens seit #Metoo von solchen Typen genug? Letts reißt die Augen auf und beugt sich nach vorn: „Brauchen wir vielleicht mehr Geschichten über Frauen?“, fragt er und antwortet gleich selbst: „Auf jeden Fall! Aber heißt das, Stoffe wie diesen brauchen wir nicht mehr? Nein. Es muss Platz für alles da sein.“

Und auch er hat ja viele Frauen zu den Protagonistinnen seiner Stücke gemacht, bei „Mary Page Marlow“ oder bei „Eine Familie“. „Meine Haut ist sowieso zu dick für Kritik“, sagt er und lacht. Vielleicht weil er lange nicht nur gegen seine Dämonen anarbeiten musste, sondern auch gegen die Mittellosigkeit. „Wie die meisten amerikanischen Künstler lebte ich lange an der Armutsgrenze“, sagt Letts. Das änderte sich erst mit seinem Pulitzerstück. Da war Letts bereits 42 Jahre alt.

Stücke über Normalos, die sich abstrampeln

Auch seine Eltern hatten erst ziemlich spät Erfolg: Mit Mitte 50 schrieb seine Mutter ihren ersten Bestseller, Letts’ Vater startete nach seiner Pensionierung noch mal als Schauspieler durch. Von der Kleinstadt in Oklahoma, in der auch Letts aufwuchs, entdeckten beide noch eine zweite Welt, als die meisten Bekannten sich gerade mit der ersten abgefunden hatten. Ein bisschen wie Letts. Der kann das allerdings noch immer nicht so ganz glauben. Immer wenn er die Dämonen auf der Schulter nicht im Griff hat, schaut er auf das Regal, auf dem seine Stücke sich aneinanderschmiegen, und fragt sich: „Wann ist das nur passiert? Und wie hast du das geschrieben?“ Er schüttelt den Kopf, als wollte er die Antwort darauf verscheuchen wie die Dämonen: Er hat keine Ahnung.

Und er kommt auch nicht los von dem Kosmos, den seine Eltern irgendwann verließen. All seine Stücke behandeln Menschen aus der amerikanischen Mittelschicht: Normalos, die sich abstrampeln. „Ich weiß nicht, wie man über Könige und Königinnen schreibt“, sagt er, „und eigentlich leben wir doch alle ein normales, langweiliges Leben.“ Vielleicht verbirgt er sich deshalb so gern hinter seinen Figuren, denkt man da. Weil er in dem Versteck mehr normales Leben spürt als am Set mit den Meryl Streeps und den Tom Hanks’. „Ich bin eben eher introvertiert“, sagt er und lächelt.

Außer bei einem Thema: Trump. Bloß der Name des Präsidenten genügt, um Letts aus seinem Stuhl fahren zu lassen. „Fuck!“, ruft er da. „Dieser Mann ist verrückt. Ich habe große Angst vor ihm, und ihr solltet sie auch haben.“ Er fühle sich, als befinde er sich auf Entschuldigungstour durch Europa. „Ich bitte jeden Europäer um Verzeihung für seine Äußerungen oder ich gebe vor, Kanadier zu sein. Es ist grauenhaft, was in den USA passiert.“

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1. Nächste Vorführungen: 19.–20.12., 20 Uhr.