Philharmonie

Regisseur und Theologe: „Ich möchte die Fantasie ansprechen“

Frederic Wake-Walker inszeniert den „Messias“ in der Philharmonie. Ein Treffen mit dem in Berlin lebenden Briten.

Im Probensaal: Der britische Regisseur Frederic Wake-Walker bringt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin Händels Oratorium „Messiah“ auf die Bühne in der Philharmonie.

Im Probensaal: Der britische Regisseur Frederic Wake-Walker bringt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin Händels Oratorium „Messiah“ auf die Bühne in der Philharmonie.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Ist er ein theologisch ausgebildeter Regisseur oder mehr ein inszenierender Theologe? Diese Frage stelle ich mir irgendwann in unserem Gespräch bei einer Probe des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO). Frederic Wake-Walker hingegen wundert sich darüber, dass er als in Berlin lebender Brite diesmal nicht ausführlich befragt wird, was er vom Brexit halte? Seine Antwort ist schnell aufgeschrieben: gar nichts. Aber very british ist unser Gesprächsthema allemal, es geht um Georg Friedrich Händels 1741 in London komponierten „Messiah“. Der 37-jährige Regisseur bereitet gerade eine szenische Einrichtung des Oratoriums in der Philharmonie vor. Am Wochenende finden die beiden Aufführungen in der englischen Originalfassung statt.

DSO-Chefdirigent Robin Ticciati (35), wie sein Regisseur ein gebürtiger Londoner, hat im Vorfeld den Ball sehr hoch geworfen, als er sagte, die Berliner Philharmonie sei „eine Kathedrale der Möglichkeiten“. Wake-Walker erzählt in seiner ebenso nachdenklichen wie humorvollen Art, wie sie gemeinsam durch den Konzertsaal gingen und euphorisch überlegten, wo der Chor oder die Solisten stehen und langlaufen könnten. Irgendwann setzte das Realitätsbewusstsein ein. „Es gibt im Stück keinen klaren, roten Faden. Es ist ein bisschen wie eine Collage, weswegen wir denken, eigentlich muss es ritualisierter ablaufen“, so der Regisseur: „Das Stück war für mich zuerst eine Herausforderung wegen des Undramatischen. Manchmal habe ich mich schon gefragt, warum sie mich als Regisseur brauchen?“

Ein Tänzer verkörpert die Figur des Messias

Die Frage beantwortet Wake-Walker gleich selber: „Man braucht einen Regisseur mit einem Konzept. Es ist sehr szenisch-physisch gedacht: Wir haben mit Ahmed Soura einen Tänzer, der den Messias verkörpern wird. Der Messias hat im Oratorium keine Stimme, ein Tänzer gibt ihm eine andere Möglichkeit, sich zu äußern.“ Und damit sind wir schnell beim Thema Glauben angelangt. „Ich glaube nicht daran, dass Jesus Christus auferstanden ist“, sagt Wake-Walker: „Der Himmel hat für mich als Ort eine seltsame Logik, es ist doch kein schöner Ort für einen existierenden Körper.“ Andererseits betont er, in der Church of England aufgewachsen zu sein. „Als Kind habe ich jeden Sonntag in der Kirche gesungen.“

Die verwendeten Bibeltexte im „Messiah“ basieren auf einer Zusammenstellung aus der anglikanischen Kirchen-Tradition. Wake-Walker wird sich in seiner Ausdeutung offenbar auch mit sehr britischen Fragen beschäftigen, etwa wie das Verhältnis von Gott und König ist oder wie es eine alte Kolonialmacht mit Afrika hält. Der Messias-Tänzer stammt aus Burkina Faso. Wake-Walkers Inszenierung wird wohl voller Anspielungen sein.

Was zu seinem Credo als Opernregisseur passt. „Ich mag kein Theater, das dem Publikum genau vorgibt, was es denken soll. Ich möchte lieber die Fantasie ansprechen. Der Zuschauer soll seine eigene Kreativität nutzen können. Ich freue mich, wenn Leute nach der Inszenierung zu mir kommen, und darin etwas entdeckt haben, was ich bis dahin selber gar nicht so gesehen habe.“

Teile seiner Kindheit hat Wake-Walker in Hongkong verbracht, wo sein Vater als Banker beschäftigt war. Zurück in Großbritannien wuchs er in Suffolk auf. Dort arbeitete seine Mutter für den Komponisten Benjamin Britten. Über das Thema will der Opernregisseur eigentlich nur kurz reden. Wohl eine Frage der Abnabelung. Aber es kommt nicht von ungefähr, dass Wake-Walker zuletzt „Peter Grimes“ an der Oper Köln inszeniert hat. „Benjamin Britten habe ich zwar nicht kennengelernt, weil er schon verstorben war, aber seinen Lebensgefährten Peter Pears und viele andere Kollegen von ihm“, erzählt er: „Ich habe als Knabe in vielen Opern von Britten mitgesungen. Das war ein großer Einfluss in meiner Kindheit.“

Philosophie und Theologie studierte er in Edinburgh

Nach Edinburgh ging er, um Philosophie und Theologie zu studieren. „Ich war immer interessiert am Thema Existenz. Aber als ich an die Universität kam, fand ich Philosophie total sinnlos“, sagt er: „Die Theologie stellte sich als die eigentliche Philosophie in der Welt heraus. Wenn man über Gott sprechen will, spricht man genau genommen über sich selbst und darüber, wie Menschen miteinander sprechen können. Das fand ich spannend. Philosophie dagegen ist mehr abstrakte Logik.“

Aber es gab immer auch die künstlerische Seite. „Zu Beginn habe ich gedacht, ich werde Sänger. Dann habe ich bei einem Projekt der Uni-Operngruppe mitgemacht und fand es so blöd, mit einem studentischen Regisseur zu arbeiten. Ich dachte, ich will sagen, was auf der Bühne passiert.“ Daraufhin hat er die Mahogany Opera gegründet, die freie Musiktheater-Gruppe ist ihm bis heute wichtig. Ein Ort des Ausprobierens. „In England muss man als Regisseur mehr ein Unternehmer sein, um den eigenen Weg zu finden.“

Nach Berlin ist er 2010 gekommen, im Jahr danach hat er das interdisziplinäre Künstlerkollektiv „Mica Moca“ gegründet. Tänzer Ahmed Soura stammt aus dem Umfeld. Gerade hat Wake-Walker seinen deutschen Einbürgerungstest gemacht. Seine Frau ist Solo-Oboistin an der Komischen Oper, mit ihren beiden kleinen Kindern leben sie in Nikolassee. An den Berliner Opernhäusern hat er bislang noch nicht inszeniert. Seine nächsten großen Produktionen werden zwei verschiedene Versionen von Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ in Cleveland und an der Mailänder Scala sein.

Philharmonie 15.12. um 14 Uhr, 16.12. um 20 Uhr. Tel. 20 29 87 11

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