Tempodrom

So war's beim Konzert von Tim Bendzko in Berlin

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Sebastian Blottner
Tim Bendzko auf der Bühne (Archivbild).

Tim Bendzko auf der Bühne (Archivbild).

Foto: dpa

Das von Bendzko erfolgreich erprobte Format der Wohnzimmerkonzerte funktioniert auch am Mittwochabend im Tempodrom hervorragend.

Berlin. Wovon träumt ein typischer Tim-Bendzko-Fan, der in der Regel jung und weiblich ist? Davon, auf gemütlichen roten Samtsesseln beim Tête-à-Tête mit Bendzko zusammenzusitzen, sich beim Balladenglücksrad „Nimm mein Herz“ zu wünschen und den Hit von leisem Pianogeplänkel begleitet übers Proseccoglas hinweg zugesungen zu bekommen? Danach im Kreise der Band vielleicht noch einen Song vom nächsten Album präsentiert zu bekommen? Hier kommt eine gute Nachricht für alle, die sich angesprochen fühlen: Solch ein Traum kann wahr werden. Wie für Mandy aus Berlin, bei Bendzkos „Wohnzimmerkonzert“ am Mittwochabend im Tempodrom.

Die Nummer mit der jungen Dame auf der Bühne hat Bendzko da bereits zum zweiten Mal durchgezogen. Beim ersten Mal allerdings nimmt er das Publikum gekonnt auf die Schippe. Fingiert wird eine zufällige Mitmachaktion, um sich bei „Wenn Worte meine Sprache wären“ gesanglich sekundieren zu lassen, jedermann ist gespannt, wie die Auserwählte sich schlagen wird und erst als sie anhebt, ihren Part zu singen, fliegt Bandmitglied Peppa auf und erntet für ihre hörenswerte Einlage umso mehr Applaus.

Das von Bendzko erfolgreich erprobte Format der Wohnzimmerkonzerte besitzt eher intimen Charakter und der lockere Rahmen lässt Raum für solche Gags, Improvisationen und Geplauder. Das passt einerseits wunderbar zu den gefühlvollen Herzschmerzliedern aus Bendzkos Feder und in der Rolle des einnehmenden Gastgebers geht ihr Autor andererseits völlig auf.

Bendzko ist tatsächlich ein ziemlich unwiderstehlicher Typ. Unheimlich souverän, ohne je zu dick aufzutragen, intelligenter Charmeur mit einem guten Maß Selbstironie. Der perfekte Entertainer für alle, die deutsche Texte mögen, auf allerorten grassierende Verse voller falscher Grammatik, schiefer Bilder und buchstäblicher Ungereimtheiten aber keine Lust haben. Denen Schlager zu schnulzig, Xavier Naidoo zu platt und Indie zu rockig ist.

Das Konzert beginnt mystisch. Im fahlen Halbdunkel liegt die Bühne, während Bendzko das Eröffnungsstück „Um jeden Preis“ singt, irgendwo im Hintergrund versteckt. Erst für den späten Refrain rennt er auf die Bühne, die Scheinwerfer leuchten auf und in schwarzem Jackett über ebenso schwarzen Jeans und Pullover steht er plötzlich an der Bühnenfront und lässt sich vom Willkommensjubel einhüllen.

„Hinter dem Meer“ folgt, danach begrüßt Bendzko sein Publikum und lobt die Anwesenden, die alles richtig gemacht und es hierher geschafft hätten. Schließlich hätten ihn schon oft Fragen erreicht, ob bzw. wann er denn nun tatsächlich bei Person x zu Hause aufkreuzen würde. Ganz so ist das mit den Wohnzimmerkonzerten allerdings nicht gemeint, zweieinhalbtausend Leute müssen wie im Tempodrom schon hineinpassen in die gute Stube. Mit gezeichneten Bilderrahmen oder Kommoden wird sie auf den Stellwänden hinter den Musikern nur minimalistisch angedeutet. Gemütlichkeit kommt trotzdem auf, die Bühne ist zumeist in ein dezent-stimmungsvolles Licht getaucht.

Mit Anekdoten und Scherzen sorgt Bendzko für gute Laune. So erzählt er zum Beispiel, wie er in einer Rezension gelesen hätte, auf einem seiner Konzerte seien nur Frauen gewesen. Er muss das überprüfen, lässt einmal alle Männer aufstehen und danach alle Frauen. „Vierzig Prozent“, schätzt er, seien doch Männer da. „35 Prozent“, korrigiert er sich selbst ein wenig nach unten, „auch wenn 90 Prozent davon natürlich nicht freiwillig“.

Auf seinen ersten großen Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ arbeitet er sich besonders gewitzt zu. Vor seinem Durchbruch, das war 2011, hätte er das Sängersein jahrelang vor dem Wohnzimmerspiegel geprobt, indem er wahllos alle greifbaren CDs mitgesungen und performt hätte, erzählt er. Seit er elf Jahre alt war, sprich seit 1996. Um diese Zeit Revue passieren zu lassen, hat die Band ein grandioses Hitmedley parat, das vor nichts zurückschreckt und gerade deswegen ungemein Spaß macht.

Aus jedem Jahr von 1996 bis 2011 ist ein Hit dabei und es geht augenzwinkernd los mit Take That und „How Deep Is Your Love“. Marius Müller-Westernhagen wird gecovert, Britney Spears, Herbert Grönemeyer, Roger Cicero, Jan Delay und viele andere, bis alles in dem Lied kulminiert, das seinen Durchbruch markierte. Der Saal steht, alle klatschen, mit großem Trommelwirbel wird der Schlusspunkt gesetzt, um gleich noch einmal in den Refrain einzusteigen.

Absolut textsicher kommt das selige Publikum noch dazu, zahlreiche Hits Bendzkos mitzusingen, die diesem Kassenschlager folgen, ob „Leichtsinn“, „Keine Maschine“, „Ich steh nicht mehr still“ oder „Immer noch Mensch“ - letzterer ein Appell, wieder mehr miteinander zu reden und gegen lauthalsen Populismus.

„Wir sind nur ein paar aus Millionen, aber immer noch, immer noch Mensch“, singt Bendzko darin. Wieso „aber“, fragt man sich, aber wenigstens hat dieser Song einmal eine Message außerhalb des Herzschmerzuniversums. Das ist der Wermutstropfen bei Tim Bendzko, all dieses Talent, all diese bewundernswerte Fähigkeit, Menschen zu erreichen, und immer geht es nur um Liebesweh, ums erste oder letzte, die Zeit davor, dazwischen oder danach. Schade, dass er so selten über etwas anderes singt.