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Der „Schwanensee“ kommt im XXL-Format nach Berlin

| Lesedauer: 6 Minuten
Martina Helmig
48 statt der üblichen 16 Schwäne: „Der größte Schwanensee der Welt“ gastiert vom 30. November bis zum 16. Dezember am Potsdamer Platz.

48 statt der üblichen 16 Schwäne: „Der größte Schwanensee der Welt“ gastiert vom 30. November bis zum 16. Dezember am Potsdamer Platz.

Foto: Stardust Theatre BV

Das Shanghai Ballett wirbt mit dem größten „Schwanensee“ der Welt: Das Gastspiel findet im Stage Theater am Potsdamer Platz statt.

Verheißungsvoll lockt die Werbung mit dem „größten Schwanensee der Welt“. Es geht, wohlgemerkt, um Quantität, denn das zweite Versprechen lautet: „Mit mehr Schwänen, als man zählen kann“. Im Schnäppchen-Zeitalter („zwei zum Preis von einem“) rechnet man eben auch bei Kulturprojekten gerne nach. Warum ein Tenor, wenn man auch Drei Tenöre und sogar Ten Tenors haben kann. Oder eine Messe mit 2000 Chorsängern.

Der „Schwanensee“ im XXL-Format mit dem Shanghai Ballett bietet mehr als 100 Tänzer, darunter sind allein 48 Schwäne statt der üblichen 16. Es gibt keine künstlerische Notwendigkeit, so viele Schwäne auf die Bühne zu bringen, aber es sieht einfach gut aus. „Ich versuche, schöne, klassische Bilder zu erschaffen, und das funktioniert mit den vielen Schwänen einfach besser“, verrät der Choreograf Derek ­Deane (65). „Es schafft einen viel größeren visuellen und emotionalen Eindruck, vor allem in den weißen Akten.“ Der Engländer findet, dass die Schwanenprinzessin inmitten der vielen Schwäne zerbrechlicher wirkt: „Ich habe es so choreografiert, dass das Schwanenensemble sie beschützt.“

Natürlich fällt so ein „Schwanensee“ der Superlative auch einfach mehr auf. Schließlich gibt es um diese Jahreszeit eine fast unüberschaubare Anzahl von Gastspielen mit dem populärsten aller Ballette in Berlin. Wenn Derek Deanes „Schwanensee“ das Stage Theater am Potsdamer Platz verlässt, zieht sofort der „Schwanensee“ des Moscow State Ballett dort ein – und danach die Produktion des Russischen Nationalballetts Moskau. Im Januar tanzt das Bolschoi Staatsballett Belarus im Theater des Westens, das Staatliche Russische Ballett Moskau im Admiralspalast und eine Produktion mit nicht näher bezeichneten „russischen Tänzern“ im Tempodrom.

Die „Schwanensee“-Inflation kennt keine Grenzen. Offenbar will im Winter jeder Berliner die Liebesgeschichte um die verzauberte Prinzessin Odette und Prinz Siegfried sehen. „Schwanensee“ ist das klassische Ballett schlechthin. Jeder kennt den sterbenden Schwan und den oft parodierten Tanz der kleinen Schwäne mit den überkreuzten Armen. Das kann Ballett in perfekter Form sein. Manchmal liegen die Choreografien auch am Rande des Kitschs – oder darüber hinaus.

Derek Deane setzt auf große Gefühle. Das gilt für all seine Choreografien. „Ich verbringe viel Zeit damit, den Tänzern zu erklären, warum sie welche Bewegung machen“, erklärt der Choreograf. „Ich habe viele ‚Schwanensee‘-Produktionen gesehen, bei denen es den Tänzern nur um ihre Schritte und Sprünge geht. Im Unterschied dazu möchte ich, dass alle verstehen, warum sie auf der Bühne stehen.“

Derek Deane hat früher selbst oft den „Schwanensee“-Siegfried und all die anderen Prinzenrollen des klassischen Balletts getanzt. Dabei wollte er eigentlich lieber Schauspieler werden. Zum Ballettunterricht ging er erst mit 16 Jahren ganz nebenbei. Als er fürs Schauspielstudium kein Stipendium bekam, bewarb er sich kurzerhand an der Royal Ballet School in London – und wurde angenommen. Nach drei Jahren Ausbildung wurde er Mitglied im Royal Ballet und bald auch Erster Solist.

Tänzer wurden in den 70ern in London dringend gesucht

Die Geschichte klingt fast unglaublich, denn Balletteleven bereiten sich sonst schon mit sechs Jahren auf eine professionelle Karriere vor. Aber damals, im London der frühen 70er-Jahre, wurden männliche Tänzer dringend gesucht. Nach seiner Tänzerkarriere wurde er für acht Jahre künstlerischer Leiter des English National Ballet. Derek Deane wurde mit dem Orden „Officer of the Order of the British Empire“ (OBE) ausgezeichnet. Man sagt ihm gute Beziehungen zur königlichen Familie nach. In den letzten Jahren hat er eine ganze Reihe von Groß- und Tourneeproduktionen geschaffen.

„Schwanensee“ hat er bereits zweimal auf die Bühne gebracht: für das English National Ballet und als Arenaproduktion für die Royal Albert Hall. Auch dort hatte er nicht so viele Tänzer wie diesmal. Das Shanghai Ballett besteht aus 90 Tänzern, und sie kommen alle mit nach Berlin, wo Derek Deane erstmals arbeitet. Außerdem bringt er ein Dutzend Gäste mit. Mit dem Shanghai Ballett, das seit 40 Jahren besteht, hat der Choreograf schon oft gearbeitet. Für die Compagnie hat er „Romeo und Julia“, „Der Nussknacker“ und viele andere Produktionen geschaffen.

Seit dem letzten Januar ist der Engländer künstlerischer Leiter der Compagnie. „Sie sind so diszipliniert und hingebungsvoll“, sagt er über seine Tänzer. Den „größten Schwanensee der Welt“ hat das Shanghai Ballett seit 2015 schon oft in China gezeigt, aber auch in Melbourne und Holland. Nach der Zeit in Berlin macht die Compagnie in Wien Station, dann in Rotterdam.

Die Arbeit mit den vielen Tänzern ist für Derek Deane nicht anders als sonst. „Ich muss einfach lauter sprechen“, lacht er. „Schwanensee“ begleitet ihn sein Leben lang, aber das Ballett bleibt für ihn immer etwas Besonderes: „Es passiert nicht jeden Tag, dass sich ein Prinz in einen Schwan verliebt.“ Derek Deane schätzt das Märchenhafte, aber auch das Menschliche in dem klassischen Ballett. Bühnenbild und Kostüme fallen bei der Tourneeproduktion ganz traditionell aus. Auf der Bühne am Potsdamer Platz sind der Palast, der Ballsaal und der See zu sehen.

Jede Geschichte braucht ein Ende. Bei „Schwanensee“ stehen gleich mehrere zur Auswahl. Es kann glücklich oder unglücklich ausgehen, mit einer variablen Anzahl von Toten. Was Derek Deane vorhat? Das Publikum soll sich überraschen lassen. Man darf sich auf das Schlimmste und das Schönste gefasst machen. Auf jeden Fall auf das Größte.

Theater am Potsdamer Platz, Marlene-Dietrich-Platz 1, Tiergarten. Tel. 01806-570070 Termine: 1.12. bis 16.12.