Film

Der Preis der Freiheit

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter Zander

Foto: Salzgeber Filmverleih / Salzgeber & Co. Medien

Rohes, ehrliches Drama über einen jungen Mann auf der Suche nach Liebe – und Unabhängigkeit: das bemerkenswerte Debüt „Sauvage“.

Ein absurder, irgendwie trauriger und doch auch anrührender Moment: Ein älterer Herr nimmt einen jungen Mann zu sich nach Hause. Ob er ihm was vorlesen könne, bittet der Gastgeber. Der Junge druckst herum, mit Lesen habe er es nicht so. Er fragt im Gegenzug, ob sie miteinander schlafen sollen. Da aber muss der Ältere wegen seiner Gebrechen passen. Ratlos liegen sie nebeneinander auf dem Bett. Aber dann nimmt der Jüngere den Älteren einfach in den Arm. Und gemeinsam schlafen sie ein.

Sauvage“ erzählt die Geschichte von Léo (Félix Maritaud), einem 22-Jährigen, der auf der Straße lebt und sich mit solchen Jobs über Wasser hält. Aber, das ist das Besondere an Camille Vidal-Naquets Film, er erzählt das nicht als sozialkritische Studie, nicht als Abstiegstragödie von einem, der aus der Spur geraten ist und nicht mehr in den Tritt kommt.

Junge Männer, die nur fort wollen und sich dafür verkaufen, an Männer, auch wenn sie selbst nicht schwul sind: Die gibt es hier auch, das sind die Jungs, denen Léo in den Parks begegnet, wo sie ihre Körper anbieten. Aber Léo ist anders. Er hat diese Lebensform freiwillig gewählt. Weil sie ihm Freiheit gewährt. Und, der Titel lässt es anklingen, auch eine Wildheit. Léo ist selbst schwul, ist auf der Suche nach Liebe, lässt auch, was die anderen vehement ablehnen, die Nähe seiner Kunden zu. Vor allem aber sehnt sich Léo nach Ahd (Eric Bernard), einem Stricher wie er, der ihm zwar ein Freund ist, aber nichts Sexuelles von ihm will und ihn deshalb immer wieder zurückstößt.

Fast dokumentarisch begleitet der französische Regisseur seine Hauptfigur bei dessen Odyssee durch die Rückseiten von Paris, die Kamera von Jacques Girault nimmt diesen Alltag, dieses Sich-Treiben-Lassen in nüchternen Bildern auf. Dabei wird nichts beschönigt, nichts verklärt. Wenn der Junge keinen Freier auftut, muss er auf der Straße schlafen.

Er gerät auch mal an Kunden, die perverse Spiele mit ihm treiben. Und dieses Leben schlägt sich auch auf die Gesundheit nieder. Aber all das kann diesen Jungen nicht erschüttern, all das erträgt er stoisch, wie als Preis für seine Freiheit. Und auch als sich doch jemand findet, der ernstlich an ihm interessiert ist, bleibt die vage Frage, ob der Freiheitsdrang am Ende nicht stärker ist als eine mögliche Bindung.

Vidal-Naquets Erstlingswerk steht in der Tradition von so einfühlsamen Stricherfilmen wie Gus Van Sants „My Private Idaho“, Patrice Chéreaus „Der verführte Mann“ oder zuletzt Robin Campillos „Eastern Boys“. Der Regiedebütant verblüfft dabei mit seiner Stilsicherheit, der Rohheit seiner Bilder und zugleich dem schonungslos ehrlichen Spiel seines Hauptdarstellers, der nach „120 BPM“ und „Sauvage“ als neue Hoffnung des französischen Films gilt. In Cannes erhielt Félix Maritaud für letzteren Film einen Nachwuchspreis.