Theater

"Macbeth" feiert am Berliner Ensemble Premiere

Die Shakespeare-Inszenierung von Michael Thalheimer hat am Donnerstag Premiere.

Im kommenden Frühjahr wird er sich dem Shakespeare-Stück „Othello“ widmen: Michael Thalheimer, hier im Hof des Berliner Ensembles.

Im kommenden Frühjahr wird er sich dem Shakespeare-Stück „Othello“ widmen: Michael Thalheimer, hier im Hof des Berliner Ensembles.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Es gibt Komödien von Shakespeare, Tragödien, Romanzen, Historien, Sonette, die es gelegentlich auf die Bühne schaffen, und dieses eine Stück, auf dem ein Fluch liegt. Ein alter Theateraberglaube besagt, dass man bei den Proben den Titel nicht aussprechen darf. Tut man es doch, bringt es Unglück. Natürlich weiß Regisseur Michael Thalheimer davon. Und im Gespräch räumt er ein, dass er möglichst selten den Namen Macbeth erwähnt. Und wenn doch, dann „mit aller Vorsicht.“ Am 30. November hat die Inszenierung Premiere am Berliner Ensemble.

Bei diesem Shakespeare-Werk ist das mit der Vorsicht auch wirklich angesagt, denn gleich am Anfang treten drei Hexen auf. Sie weissagen dem Titelhelden Macbeth eine großartige Zukunft. Der fühlt sich in all seinen blutigen Plänen bestärkt, denn zu Tode kommen kann er laut Prophezeiung nur von der Hand eines Menschen, den kein Weib geboren hat. Er glaubt den Worten, unterschätzt aber die Interpretationsmöglichkeiten. Ein tödlicher Irrtum.

Die negativen Figuren sind meistens die stärksten

Michael Thalheimer, der mit dem Antritt von Intendant Oliver Reese im Sommer 2017 als Hausregisseur ans Berliner Ensemble kam, hat sich als Textgrundlage für die Heiner-Müller-Fassung des shakespeareschen Dramas um den Schottenkönig entschieden. Und führt dafür gleich mehrere Gründe an: „Ich kenne keine Bearbeitung die das, was das Stück ist, das Finsterste, das Düsterste von Shakespeare, so verstärkt wie die Übersetzung von Heiner Müller. Mit welcher Stringenz Müller diese Geschichte erzählt, das überzeugt mich.“ Außerdem schätzt Thalheimer „die monolithische Art und Weise der Sprache von Heiner Müller“ und fühlt sich auch „der Tradition verpflichtet“ – Heiner Müller hat etliche Jahre am Berliner Ensemble gewirkt. In den 70er-Jahren als Dramaturg, in den 90er-Jahren war der Dramatiker dann Teil der „Fünferbande“, die versucht hat, das Theater gemeinsam zu leiten.

Auch in der Fassung von Heiner Müller, die sich bei der Uraufführung in der DDR-Provinz – 1972 im Theater Brandenburg – den Vorwurf des Nihilismus gefallen lassen musste, ist Lady Macbeth eine treibende Kraft und eine eher unsympathische Person. „Figuren, die negativ gezeichnet sind, sind meist auch sehr starke Figuren“, sagt Thalheimer und ergänzt: „Das sind geile Rollen für Frauen, sie machen das Zentrum des Stücks aus.“ Selbstredend spielt Constanze Becker, die ja so etwas wie eine Thalheimer-Muse ist, und die auch als Medea am Berliner Ensemble auftritt, die Frau, die sich das Blut nicht mehr von den Händen abwaschen kann.

Das Drama um den Schottenkönig ist eines von zwei Shakespeare-Stücken, mit denen sich Thalheimer in dieser Saison beschäftigt – dafür aber doppelt: Das gleichnamige, von Verdi komponierte Werk hat im kommenden Sommer im Opernhaus Antwerpen Premiere und wird als Koproduktion auch in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf gezeigt. Zuvor widmet sich der Regisseur im Frühjahr am Berliner Ensemble „Othello“. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des erfolgreichen schwarzen Feldherren, der den Einflüsterungen seines Untergebenen erliegt, lässt er neu übersetzen. Und passend dazu kam Thalheimers Inszenierung von Verdis „Otello“ – die italienische Oper kommt ohne „h“ aus – vor wenigen Wochen in Duisburg heraus, der zweiten Spielstätte der Deutschen Oper am Rhein.

Für Thalheimer ist dieses tiefe Eintauchen in das Shakespeare-Universum „wie ein Geschenk – ich kann das über eine ganze Spielzeit machen“. Die Arbeit am Opernhaus bezeichnet er dabei als „einen willkommenen erotischen Ausflug“. Oper „hilft beim Weiterdenken, was Theater ausmachen könnte“, sagt der Regisseur und stellt fest: „Mein Zuhause ist das Theater.“

Vom Schlagzeuger zum Regisseur am Theater

Dazu kam er über das Trommeln. Das Theater in Darmstadt suchte für eine Produktion einen Schlagzeuger, der damals 17-Jährige bekam den Job, spielte abends live und begeisterte sich für die Bühnenkunst. Später studierte er an der Berner Schauspielschule, arbeitete anschließend an verschiedenen Häusern und realisierte 1997 seine erste Regiearbeit am Theater Chemnitz. Mittlerweile hat der 53-Jährige über 90 Inszenierungen realisiert – wie viele es ganz genau sind, weiß er nicht, aber er „sucht noch nicht die Wiederholung“. Das macht die Auswahl an Stücken nicht leichter, denn Gegenwartswerken steht er skeptisch gegenüber. „Ich suche ja große, starke Geschichten“ – da wird er bei den zeitgenössischen Autoren selten fündig. Ein Kriterium bei der Auswahl ist für ihn die Frage: „Interessiert mich eine Geschichte so sehr, dass ich mich acht Wochen mit professionellen Schauspielern klaustrophobisch in einen Raum einsperre?“

Dass Thalheimer von der Schauspielerei kommt, merkt man seinen Formulierungen an. Als wir auf das Drama um die Volksbühne zu sprechen kommen, redet er rhetorisch fein aufgebaut von der „dreifachen Katastrophe“: Die erste war, dass „Castorf gehen musste“. Die zweite, dass „Chris Dercon gekommen ist“ und die dritte, „wie Dercon sich aus Berlin verabschiedet hat“. Er sei sehr wütend auf die Berliner Politik: Aus „Dummheit und Eitelkeit“ heraus sei entschieden worden, „das eines der bekanntesten, besten europäischen Häuser grundlos vernichtet wurde“. Und er krönt seine Rede mit der Mahnung: „Die Volksbühne liegt jetzt brach und Berlin sollte aufpassen, dass aus diesem Haus kein neues Schiller Theater wird.“

Würde ihn denn so eine Intendanz reizen? „Ein sofortiges Nein. Bei der Volksbühne im Speziellen, ich wäre dafür der Falsche.“ So ein paar Anfragen gab es ja schon, zuletzt aus Wien. Seine Antwort: „Danke der Nachfrage, ich fühle mich geehrt, aber I would prefer not to“, sagt Thalheimer und zitiert beiläufig den Schreibgehilfen Bartleby, einen großen Verweigerer, eine Figur aus einer Erzählung des „Moby Dick“-Verfassers Herman Melville. „Durch die Möglichkeit, das Burgtheater fast bekommen zu haben, habe ich gespürt, dass ich das gar nicht will.“

In Wien wohnt sein Sohn, studiert dort und will Wissenschaftler werden. Die beiden Töchter sind jünger, mit ihnen und seiner Frau lebt Thalheimer in Berlin zusammen. Ein Frauenhaushalt. Vielleicht faszinieren ihn deshalb besonders die starken Frauenfiguren.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Vorstellungen: 29.11. (Premiere), 30.11., 03.12., 06.12., 26.12., 07.01., 12.01., 13.01.