Film

Lauter verschlagene Verdächtige: „Das krumme Haus“

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter E. Müller

Foto: 20th Century Fox / 20th Centhury Fox

Agatha Christies Lieblingskrimi ist noch nie verfilmt worden. Jetzt hat es Gilles Paquet Brenner mit lauter Stars grandios inszeniert.

Für sie selbst war es eins ihrer Lieblingsbücher. „Das krumme Haus“, 1951 auf Deutsch erschienen, war der 39. Krimi der britischen Schriftstellerin Agatha Christie, ein klassisches Wer-ist-der-Mörder-Konstrukt und für seine Zeit mutig und kontrovers, was die Auflösung des Falles betraf. In „Das krumme Haus“ ermittelt weder Miss Marple noch Hercule Poirot, sondern ein junger britischer Ex-Agent namens Charles Hayward, der sich seinen Lebensunterhalt als Privatdetektiv verdient.

Nun hat der französische Regisseur Gilles Paquet-Brenner („Pretty Things“) dieses spannende Krimi-Puzzle erstmals auf die Leinwand gebracht und versammelt dafür in „Das krumme Haus“ ein exzellentes Ensemble in einem monströsen viktorianischen Prachtbau, der wegen seiner drei Giebel „Three Gables“ genannt wird. Und in dem drei Generationen unter einem Dach leben oder es zumindest versuchen.

Detektiv Hayward (Max Irons) hatte während des Zweiten Weltkriegs in Kairo eine Liaison mit der Millionärsnichte Sophia (Stephanie Martini). Die Beziehung endete abrupt. Nun, im Herbst 1947, steht sie in seiner kleinen Londoner Detektei und buhlt um seine Dienste. Ihr Großvater, ein steinreicher Unternehmer, ist gestorben, doch wie sich nach einer Autopsie herausstellt, nicht an Herzschlag. Jemand hat ihm anstelle von Insulin seine hochgiftigen Augentropfen injiziert.

Ob ihrer Vorgeschichte hat Charles keine Lust, Sophias Auftrag anzunehmen, doch willigt er schließlich ein und macht sich auf zu dem titelgebenden krummen Haus. Wobei der Originaltitel „The Crooked House“ weit mehr preisgibt über die Bewohner, steht das englische Wort „crooked“ doch nicht nur für krumm, sondern auch für unehrlich oder betrügerisch. Und in der Tat trifft der Detektiv auf eine schrullige Ansammlung verschlagener Vertreter des britischen Geldadels, jeder auf seine Art blasiert, missgünstig, gefallsüchtig oder zynisch.

Und alle sind sie verdächtig. Allen voran die fantastische Glenn Close als Hausdrachen Edith de Haviland, Schwester der verstorbenen ersten Ehefrau des Tycoons, der danach die um einiges jüngere Brenda (Christina Hendricks) geheiratet hat. „Sind Sie Sophias Schnüffler?“ begrüßt Edith den Ermittler, während sie mit einer Schrotflinte den Maulwürfen auf dem Anwesen zu Leibe rückt.

Ein Film, an dem man sich nicht satt sehen kann

Hayward trifft auf die Söhne des Tycoons, den arroganten Philipp (Julian Sands), den cholerischen Roger (Christian Mc­Kay) und deren nicht minder undurchsichtigen Frauen, Bühnendiva Magda (Gillian Anderson) und Forscherin Clemency (Amanda Abbington). Die altkluge Enkelin entpuppt sich als Hobby-Detektivin, die die Hausbewohner ausspioniert. Dann gibt es auch noch ein betuliches Kindermädchen und einen ominösen Hauslehrer. Aber keinen Gärtner. So einfach ist die Lösung dann doch nicht.

Unter Beihilfe von Inspector Taverner (Terence Stamp) macht sich Hayward auf die Suche nach dem Täter. Es wird nicht bei dem einen Mord bleiben. Wer das Buch kennt, wird zwar um das verblüffende Finale betrogen, dennoch ist „Das krumme Haus“ eine gelungene Inszenierung, an der man sich nicht sattsehen mag. Geschliffene Dialoge, grandios gezeichnete Charaktere, immer neue falsche Fährten.

Ausstatter Simon Bowles hat ganze Arbeit geleistet, hat Wohnräume zwischen viktorianischem Kitsch und 40er-Jahre-Moderne ganz auf die Figuren zugeschnitten, die Kameramann Sebastian Winterø in opulenten Aufnahmen durchstreift. Dabei hat „Das krumme Haus“ nichts von dem zeitgemäßen Hightech-Aufwand, mit dem Kenneth Branagh gerade Christies „Mord im Orient Express“ aufgepeppt hat. Gilles Paquet-Brenner konzentriert sich auf meisterhaft altmodische Weise ganz auf die Figuren und versteht es, die Spannung bis zum Schluss zu halten. Jetzt schon ein Klassiker.