Disco der Melancholie

Interpol geben kontrastreiches Konzert im Tempodrom

Die fünf Musiker von Interpol gehen in den Schwaden der Nebelmaschine beinahe unter. Die Stimmung ist ausgelassen.

Interpol auf der Bühne (Archivbild)

Interpol auf der Bühne (Archivbild)

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/PA_Wire/PA_Photos

Von Nebelschwaden und blauem Licht beinahe unkenntlich gemacht, kommen die fünf Musiker von Interpol auf die Bühne. Ein wehmütiger Akkord verdrängt das Gemurmel des Publikums. Über den Köpfen der Band wird unvermittelt eine Discokugel angestrahlt, die ihre Lichtkegel in alle Winkel der Halle wirft und wie ein stimmungsvoller Kontrast zur abgründigen Musik wirkt.

Von Disco ist am Sonntagabend im Tempodrom zunächst wenig zu merken. Bis auf Schlagzeuger Sam Fogarino tragen alle Musiker Hemd und Jackett. Zwar wird von Anfang an reichlich Strobolicht eingesetzt, doch zu Beginn wird wenig getanzt, der erste Song „Pioneer To The Falls“ wird vom Publikum stattdessen mit stiller Bewunderung bedacht.

Doch schon nach kurzer Zeit wird die Stimmung in der Halle ausgelassener. Bald erntet jeder Song in den ersten Sekunden Geschrei, als handle es sich um das absolute Lieblingslied aller Anwesenden. Dabei beginnen die meisten Nummern erstmal gleich: Alle Instrumente der Band werden ohne erkennbare Melodie übereinander gespielt, dann schält sich plötzlich ein Akkord heraus, der von den eingefleischten Interpol-Fans sogleich zugeordnet und euphorisch gefeiert wird.

Die Reaktion auf alte Hits fällt ebenso überschwänglich aus wie jene auf die Lieder des neuen Albums „Marauder“ – keine Selbstverständlichkeit nach über 20 Jahren Bandgeschichte. „The Rover“, einer der neuen Songs, kommt mit düsterem Text daher: „Komm und sieh mich und vielleicht stirbst du“, heißt es dort übersetzt, und dennoch entlockt das Lied mit seiner Schnelligkeit und Melodik einem großen Teil des Publikums die ersten echten Tanzbewegungen des Abends.

Mittlerweile füllt so viel Qualm den Bühnenraum aus, dass die Nebelmaschine getrost als sechstes Mitglied der Live-Band bezeichnet werden kann. Die Musiker sind bloß noch Silhouetten, deren Gesichter und Instrumente dank des Scheinwerferlichts mal blau, mal rot im Nebel zu sehen sind. Die Szene auf der Bühne erinnert zu diesem Zeitpunkt entfernt an einen David-Lynch-Film, keine abwegige Assoziation, immerhin drehte der Regisseur einst einen Kurzfilm zur Musik der Indie-Band.

Der Saal wird zur melancholischen Disco

Falls man zuvor kein Fan von Interpol war, wird man es wohl auch an diesem Abend nicht. Dazu sind die hermetischen Texte nicht zugänglich genug, dafür klingen viele der Lieder zu ähnlich und dafür kokettiert die Band zu wenig mit ihrem Publikum; äußerst sparsam geht Sänger Paul Banks zwischen den Liedern mit seinen Worten um. Doch ausufernde Reden oder gar Witze wären ohnehin fehl am Platz, und die Stimmung lässt auch so nichts zu wünschen übrig.

Obwohl im Lied „Flight Of Fancy“ eine innere Leere besungen wird und obwohl der Song „Rest My Chemistry“ die Kokainsucht des Sängers behandelt, wird jetzt gesprungen und getanzt. Der Saal wird zur melancholischen Disco, und der Kontrast zwischen großartiger Stimmung und schwermütiger Musik hat durchaus seinen Reiz. Da stört es kaum, dass nun zum gefühlt dreißigsten Mal das inflationär eingesetzte Strobolicht in den Augen blendet.

Als die Musiker die Bühne verlassen, brandet gleich heftiges Protestgeheul auf. Kaum jemand will wahrhaben, dass das Konzert zu Ende geht. Und natürlich kommt die Band für eine Zugabe zurück. Zu „Evil“ von ihrem Album „Antics“ dreht das Publikum noch einmal richtig auf. Dann findet die Disco ein Ende, und so mancher sentimentale Blick streift beim Verlassen des Saals die verspiegelte Kugel über der Bühne.