Schaubühne

Das leichte Spiel der Rechten

Thomas Ostermeier inszeniert Ödön von Horváths „Italienische Nacht“ an der Schaubühne. Das Stück ist heute immer noch aktuell.

Gerangel in der Kneipe: Im Gasthaus Lehninger treffen sich Sozialdemokraten. Aber auch die Rechtsextremisten nutzen das Lokal.

Gerangel in der Kneipe: Im Gasthaus Lehninger treffen sich Sozialdemokraten. Aber auch die Rechtsextremisten nutzen das Lokal.

Foto: Schaubühne / ARNO DECLAIR

Berlin. Eine Dorfkneipe irgendwo in Deutschland: Dunkelbraune Wirtshausstühle, Holzvertäfelung. Die Spielkarten knallen auf den Tisch, dazu trinkt man „Dorn-Bräu“ im Gasthaus Lehninger. So war das immer schon, so soll das bleiben. Obwohl draußen vor der Tür rechte Horden unüberhörbar deutlich an der Wirtshaustür und der Demokratie rütteln: „Hier marschiert der nationale Widerstand“, brüllen die Fackel- und Fahnenträger. Der Leiter der lokalen sozialdemokratischen Ortsgruppe hat gerade ein ziemlich gutes Blatt auf der Hand, von dem er nur kurz aufblickt, die Störung kommt ungelegen. „Von einer akuten Bedrohung der Demokratie“, sagt er, „kann natürlich keineswegs gesprochen werden.“ Schon weil es den Rechten an ideologischem Unterbau fehle und überhaupt könne die Republik ruhig schlafen, solange es die sozialdemokratische Partei gebe und er der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe sei. Darauf ein „Dorn-Bräu“.

Zeitlose Schmucklosigkeit und Provinz-Gemütlichkeit

Der Gasthof, der sich im Saal der Schaubühne gemächlich um sich selbst dreht, uns abwechselnd seine triste Fassade außen und seine Provinz-Gemütlichkeit drinnen präsentiert, ist von zeitloser Schmucklosigkeit. Der sah in den 30er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts ähnlich aus wie heute. Für manchen mag das beruhigend sein. Dass dagegen das, was in diesem Gasthof passiert und gesprochen wird, offensichtlich von ebensolcher Zeitlosigkeit ist, ist zweifellos alles andere als beruhigend.

Ödön von Horváths Volksstück „Italienische Nacht“ spielt im Jahr 1930, ein Jahr später, zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung, wurde es im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt. Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier hat es jetzt für seine Bühne am Lehniner Platz in Szene gesetzt. Es ist nicht eine Dumpfbackigkeit der Rechten, die er hier primär vorführt, sondern vielmehr eine bis in die Poren erlahmte Linke. Wenn sich dann noch Opportunismus dazugesellt, ist der Ofen sowieso aus. Der Wirtin Josefine (Traute Hoess) zum Beispiel ist es eh wurscht, wer ihre Wurscht isst und ihr Bier säuft. Weshalb sie ihr Lokal am Nachmittag an die Rechten vermietet hat, obwohl am Abend die Sozialdemokraten dort ihr Sommerfest, ihre traditionelle „Italienische Nacht“ feiern. So hängt an den Fenstern noch die Reichskriegsflagge, während unter der Decke schon die grün-weiß-roten Girlanden befestigt werden. Ein sehr starker Bühnenmoment ist das, wenn die Faschisten hier grölend zu Nazi-Punk die Arme recken und Pogo tanzen, derweil sich die Bühne langsam in Bewegung setzt und nach einer 360-Grad-Drehung der sozialdemokratische Ortsverein zu „Santa Maria“ verunglückt Steh-Blues tanzt oder das, was sie für Discofox halten.

Kein Wunder, so suggeriert es der Abend recht deutlich, dass die mit einfachen Parolen aufmarschierenden Rechten ein leichtes Spiel in der Gesellschaft haben, denn diese Stammtisch-Sozis sind ein dermaßen zerstrittener, erschlaffter, in ihren Ideologien erstarrter und von privaten Interessen unterwanderter Haufen, dass man kaum hinschauen mag. In ihrer täppischen Selbstgefälligkeit sind sie dabei aber auch immer wieder ziemlich komisch. Ostermeier hat dem Abend das Volksstückhafte keineswegs ausgetrieben, es im Gegenteil sogar saftig betont. Manche der Figuren schrammen dabei haar-scharf am Klischee vorbei. Da ist der phrasendreschende Ortsvereinschef (Hans-Jochen Wagner), der zur Solidarität aufruft und daheim seine Frau unterdrückt, der Künstler Karl (Christoph Gawenda), dem die Politik egal wird, sobald die Libido sich meldet. Oder der radikale Linksaußen Martin (Sebastian Schwarz), der seine Freundin mit dem Auftrag ausstattet, sich vom feschen Faschisten an-baggern zu lassen, um ihn auszuhorchen, was allerdings in einer Vergewaltigung auf dem Klo des Wirtshauses endet. Erschreckend ist zweifellos, wie wenig Ostermeier dem Horváth’schen Original in seiner Spielfassung, die er gemeinsam mit Florian Borchmeyer erarbeitet hat, hinzufügen musste, um es noch etwas jetztzeitiger zu machen. Erschreckend ist auch, wie erstaunlich geschmeidig sich die Zitate der zeitgenössischen Rechten etwa zur Migration in den Textfluss einfügen. Irritierend ist, wie brav der Abend bei aller Satire aber dennoch insgesamt bleibt. Er klingt ein wenig so, als würde jemand einigermaßen resigniert einer verflossenen Liebe nachtrauern, für deren Wiederbelebung nur noch sehr wenig Hoffnung besteht. Ein kleines bisschen aber eben vielleicht doch, wenn alle sich etwas bewegen. Zumindest steht heute, am Sonntag, an der Schaubühne ein Kongress auf dem Programm mit dem Titel „Welche Linke wollen wir?“

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Kartentel. 890023. Nächste Termine: 26.11., 27.11., je 20 Uhr.