Kultur

Wie man Kinder zum Singen und Tanzen bringt

Regina Lux-Hahn hat lange für die Caritas gearbeitet, jetzt kümmert sich die 67-Jährige um das Kinderopernhaus.

Hat einen Werkvertrag und ein Büro in der Staatsoper Unter den Linden: Regina Lux-Hahn.

Hat einen Werkvertrag und ein Büro in der Staatsoper Unter den Linden: Regina Lux-Hahn.

Foto: Reto Klar

Berlin. Auf der Website der Berliner Caritas steht noch immer ihre Durchwahl. Wer allerdings dort anruft, wird schmunzelnd an die Staatsoper verwiesen. Regina Lux-Hahn ist umgezogen. Seit diesem Sommer hat die Sozialpädagogin einen Werkvertrag am ersten Opernhaus Deutschlands – und auch ein Büro. Viele Jahre war die gebürtige Rheinländerin Regionalleiterin in den Ost-Berliner Bezirken, für alle dortigen Einrichtungen der Caritas.

Die Anstellung der Sozialmanagerin Lux-Hahn am Opernhaus ist jedoch, so merkwürdig das klingt, der letzte konsequente Schritt eines langen Weges. Sozialpädagogische Arbeit, das ist für Regina Lux-Hahn seit 2010 ebenfalls die Arbeit mit Musiktheater. Schon lange bevor an dem Haus Unter den Linden im vergangenen Jahr der kinder- und jugendaffine Intendant Matthias Schulz das Heft in die Hand nahm, hat sich die Staatsoper auf die Ideen der resoluten Frau von der Caritas eingelassen: Das Kinderopernhaus Lichtenberg, Lux-Hahns ureigenstes Projekt seit acht Jahren, wurde schon vom ehemaligen Intendanten Jürgen Flimm mitgetragen. Aber erst Matthias Schulz habe das Kinderopernhaus gänzlich in der Staatsoper verankert.

Die Ideen der heute 67-Jährigen und ihr eigenes Feuer stießen ihr viele Türen auf: Klassische Musik und Musiktheater sei für Kinder eine ungeheuer deutliche Kunstform, da ist sich Lux-Hahn, die einst als Tontechnikerin beim Bayerischen Rundfunk angefangen hat, sicher. „Es macht den Kindern Spaß, mit Kostümen und Maske zu arbeiten, zu singen, zu sprechen, Theaterrollen zu spielen, zu tanzen.“

Projektfonds fördert die Einrichtung

Solche Reden könnten aus anderem Mund naiv und allgemein klingen – doch dies sind genau Attribute, die auf Regina Lux-Hahns Arbeit, auch auf ihre Überzeugungsarbeit, nicht zutreffen. Eher hat sie es in den Jahren der Entstehung des Kinderopernhauses Lichtenberg verstanden, ihre Idee differenziert und passgenau für Sponsoren, Bezirkspolitiker und Kulturreferenten zu erklären: Es geht zunächst um die Kinder und nicht um die Bestätigung einer als elitär verschrienen Kunstform – und Lux-Hahn, in der Berliner Bezirkspolitik bestens vernetzt, hat ihre Überzeugungsarbeit gegenüber Projektfonds und anderen Geldgebern professionalisiert: „Im Vorfeld eines Gespräches gibt es eine Präsentation, wo der vielfältige Bildungscharakter des Kinderopernhauses herausgestellt wird. Was lernen Kinder dabei? Teamwork, Aussprechen, Sprache, Bewegung. Selbstbewusstsein.“ Die Überzeugungsarbeit ist gelungen: Mittlerweile verfügt das Kinderopernhaus Berlin, das sich über Lichtenberg hinaus nach Marzahn, Reinickendorf und andere Nicht-Innenstadtbezirke erweitert hat, über eine jährliche Förderung des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung in Höhe von 85.000 Euro. In dem Projektfonds ist das Projekt nun in die zweite Förderstufe gekommen, gilt somit als „strukturbildendes“ und „stadtweites“ Projekt. Hinzu kommen Kofinanzierungen durch beteiligte Bezirke und ein hoher Eigenmittelanteil der Staatsoper Unter den Linden.

Jede neue Spielzeit geht es von den Kinderopernhäusern aus in jeweils zwei Schulen, mit dabei sind Fachleute für Chorleitung, Stimmbildung, soziale Arbeit, Koordination und mittlerweile auch Instrumentalpädagogik.

„Wir machen keinen Stress mit irgendwelchen Rollen“

Das alles findet statt, damit auch Kinder aus bildungsfernen Haushalten mit kreativer künstlerischer Arbeit in Berührung kommen – die Ambition ist nicht neu. Dass dabei allerdings große Kunst herauskommen kann, kann spätestens bei der jüngsten Produktion des Kinderopernhauses Lichtenberg vom letzten Frühjahr bewundert werden: „Fanny! – Wer will mir wehren zu singen“ handelt von der höchst talentierten Fanny Hensel, die zeitlebens hinter der Karriere ihres Bruders Felix Mendelssohn zurückstehen musste. Die acht- bis zwölfjährigen Jungen und Mädchen des Kinderopernhauses sind in Kinderkleidung der Biedermeierzeit gezwängt – erobern sich aber in dieser innerhalb eines Jahres eigenständig entwickelten Kollektivoper den Raum: Am Ende kämpfen einige mit ihren Instrumenten gegen die allbeherrschende Männerstimme aus dem Lautsprecher an, welche die defensiven Tugenden der idealen Frau im 19. Jahrhundert apodiktisch verkündet.

Anders als im neuen Projekt der Staatsoper, dem Kinderopernorchester, muss im Kinderopernhaus niemand unbedingt ein Instrument spielen – alle können mitmachen. Selbst noch dann, wenn das Projekt für jene dritten Grundschulklassen, in welche Regina Lux-Hahn und die Staatsoper mit ihrem Team gehen, bereits beendet ist.

„Kinder in Lichtenberg oder Marzahn kommen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten“, sagt Regina Lux-Hahn. Doch auf der Bühne sehe man das nicht mehr. „Weil jedes Kind sich so einbringen kann, dass es sich gut fühlt. Wir machen keinen Stress mit irgendwelchen Rollen: Du hast die Hauptrolle, du hast die kleine Rolle. Das ist unser Erfolg. Die Kinder kommen jeden Donnerstag freiwillig.“ Und ohne ihre Eltern: Es gibt einen Fahrdienst.

Man kann am Ende gar nicht mehr genau sagen, ob hier die Sozialpädagogin Regina Lux-Hahn redet oder die Opernbegeisterte. Ein Erfolg ist das Wachsen der Berliner Kinderopernhäuser zweifellos für beide.

Staatsoper Unter den Linden, Alter Orchesterprobensaal. Das Kinderopernhaus zeigt Sergej Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ am 31. Mai und 1. Juni 2019 um 19 Uhr, am 2. Juni 2019 um 16 Uhr. Tel. 20 35 45 55

Musiktheater für Kinder an Berliner Opernhäusern:

An der Komischen Oper ist derzeit die opulent ausgestattete Kinderoper „Der Zauberer von Oz“ mit der Musik des italienischen Komponisten Pierangelo Valtinoni zu erleben: 29.11. und 7., 9., 12., 15., 16., 18., 19., 23., 26.12. sowie 14.1.2019. Die Inszenierung des Regisseurs Felix Seiler ist für Kinder ab sechs Jahren geeignet. Tel. 47 99 74 00 Neben dem

Babykonzert„Durch die Lüfte“ (Vorstellungen: 4. bis 6.12.) findet an der Deutschen Oper die Wiederaufnahme des „Märchens von der Zauberflöte“ statt – einer kindgerechten Nacherzählung von Wolfgang Amadeus Mozarts berühmtester Oper (Vorstellungen: 11. und 12.12.). Am 20., 22. und 29.12. zeigt die Deutsche Oper Leos Janaceks Oper „Das schlaue Füchslein“. Hierzu findet im Vorfeld am Sonntag, 16.12. um 15 Uhr ein

Workshop für Kinder mit einem Eltern- oder Großelternteil statt. Ab März 2019 ist dann die sehr erfolgreiche Produktion „Kuckuck im Koffer“ wieder auf der Studiobühne der Deutschen Oper – der Tischlerei in der Richard-Wagner-Straße – zu erleben. Ein Stück mobiles Musiktheater für eine Sängerin und einen Sänger, das auf Anfrage auch in Schulen und Kitas gezeigt wird. Tel. 34 38 43 43.

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