Museumsinsel

Pergamon-Panorama zeigt die Jugend des Altertums

Das überarbeitete Pergamon-Panorama vermittelt spektakuläre Eindrücke der antiken Metropole

Das detailsatte Bild einer versunkenen Stadt: Das 360-Grad-Panorama des Szenografiekünstlers Yadegar Asisi im temporären Pergamon-Bau.

Das detailsatte Bild einer versunkenen Stadt: Das 360-Grad-Panorama des Szenografiekünstlers Yadegar Asisi im temporären Pergamon-Bau.

Foto: RubyImages/F. Boillot

Berlin. In Pergamon finden die Dionysien statt, Festspiele zu Ehren des Gottes Dionysos. Die antike Metropole ist voller Menschen. Zikaden zirpen, während die Dämmerung in die Nacht übergeht. Junge Männer und Frauen lagern am Rande des Burgberges im Halbdunkel in lasziven Posen. Sie trinken Wein, tanzen zu Flötenklängen. Auch Faune sind zu sehen. Dann hört man Hahnenkrähen. Über der monumentalen Altaranlage von Pergamon geht die mediterrane Sonne auf. Die farbig gefassten Friese der Anlage kommen in den Blick. Der Vorplatz und die Treppen sind rot gefärbt vom Blut der Opfertiere. Deren Fleisch wird weiter oben den Göttern als Brandopfer dargebracht.

Publikumseinbußen sollen ausgeglichen werden

Eine Vorgängerversion der nunmehr um rund 40 Szenen inhaltlich erweiterten 3-D-Visualisierung der hellenistischen Metropole war bereits 2011/2012 in einer Sonderausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin im Ehrenhof des Pergamonmuseums zu erleben und zog binnen eines Jahres mehr als eine Million Besucher an. Seit 2014 ist der Originalaltar Besucherblicken entzogen und wird von feinem Messgerät dauerüberwacht, denn parallel läuft die Generalsanierung des Museums. Die Panorama-Show, die jetzt in einem 16 Millionen Euro teuren, temporären Bau gegenüber dem Bode-Museum wiedereröffnet wurde, soll Publikumseinbußen wettmachen. Für 19 Euro können Besucher ins Jahr 129 nach Christus eintauchen.

360-Grad-Panorama am Pergamonmuseum

360-Grad-Panorama am Pergamonmuseum

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach von einem „ungewöhnlichen Geschwisterteil“ des Pergamonmuseums, das zeige, wie „saftig“ antikes Alltagsleben gewesen sei. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, betonte, dass das Rundbild auf enger Kooperation mit Experten der Antikenabteilung beruhe, zum Teil jedoch auch künstlerischer Fantasie entsprungen sei. Der Schöpfer des 360-Grad-Panoramas, der 1955 geborene iranischstämmige Szenografiekünstler Yadegar Asisi, sagte, dass es ihm um das Evozieren von „Gefühlswelten“ gehe und darum, für das digital sozialisierte jüngere Publikum adäquate Erlebniswelten zu gestalten.

Asisi und sein Team haben in aufwendiger Detailarbeit 3-D-Visualisierungen für eine rund 100 Meter breite und mehr als 3100 Quadratmeter große, zylindrisch aufgespannte Projektionsfläche erarbeitet. Als Besucher fühlt man sich in ein faszinierendes Wimmelbild versetzt, bei Weitem zu facettenreich, um es in seiner Gesamtheit zu erfassen. Fünf mit Treppen verbundene Terrassen in der Mitte des 30 Meter hohen Projektionsraums vermitteln das Gefühl, die Akropolis der hellenistischen Metropole zu erklimmen.

In Nebenräumen trifft man auf eine Simulation des Pergamonaltars und auf rund 80 originale Marmorskulpturen der Antikensammlung, die in der Stadt postiert waren. „Keine antike Metropole war so spektakulär gelegen wie Pergamon“, betont Andreas Scholl, der Direktor der Antikensammlung der Staatlichen Museen. Die materielle Basis habe der berühmte Alexanderschatz gebildet, den sich die Herrscher der Metropole sichern konnten.

Geschichte mit szenografischen Mitteln multimedial zu verlebendigen, ist ein internationaler Trend. Originale Museumsstücke geraten zunehmend in Konkurrenz zu virtuellen Doppelgängern. Dahinter steckt die Annahme, das Publikum wünsche weniger Belehrung als Erlebnisse. Mit der stärkeren Inszenierung wächst der Spielraum für freie künstlerische Interpretation. Damit nähert man sich interessanterweise wieder dem 19. Jahrhundert an, wo ebenfalls originales Bildprogramm mit frei erfundenen Szenen kombiniert wurde, zum Beispiel von Richard Lep­sius Mitte des 19. Jahrhunderts bei künstlerischen Wandausschmückungen des Neuen Museums.

Auch ein Pergamon-Panorama hat es in Berlin bereits im 19. Jahrhundert gegeben. Es war immerhin 65 Meter lang und 15 Meter hoch. Hierfür bereisten Künstler die antike Ausgrabungsstätte, um vor Ort Details zu studieren. Fakten, Fiktion und Spezialeffekte mischten sich auch schon im antiken Pergamonaltar, wo sich Giganten mit Göttern im Kampfgewühl befinden, Nymphen das Weite suchen und himmlische und irdische Szenen in einer gewaltigen Gigantomachie verschmelzen. Die Pergamon-Show soll bis zur geplanten Wiedereröffnung des Pergamonaltars im Jahr 2024 zu sehen sein. Dafür werden dann die Prozessionsstraße von Babylon, das Ischtar-Tor und das Markttor von Milet den Blicken entzogen – und vielleicht virtuell gedoubelt.

Museumsinsel Berlin, Am Kupfergraben 2, Mitte. Mo.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr.

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