Fernsehen

Aus für die „Lindenstraße“: Mutter Beimer muss in Rente

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Peter Zander

Foto: Fotoreport / dpa

Schock für die Fans: Die ARD stellt nach 35 Jahren ihre Erfolgsserie „Lindenstraße“ ein. Ihr Erfinder Hans W. Geißendörfer ist empört.

Mutter Beimer muss jetzt ganz viele Spiegeleier braten. Das tut sie ja immer, wenn sie Kummer hat. Diesmal aber ist der Kummer besonders groß. Und die Mutter der Nation wird künftig viel Zeit dafür haben. Denn die „Lindenstraße“, ein Schlachtross der ARD und neben dem „Tatort“ die erfolgreichste Dauerwurst des deutschen Fernsehens überhaupt, soll eingestellt werden. Nach über 34 Jahren. Das haben die Programmverantwortlichen der ARD entschieden. Das Ende kommt nicht sofort, die letzte Folge wird erst im März 2020 ausgestrahlt. Aber dann soll definitiv Schluss sein.

„Die Entscheidung hat sich die Fernsehprogrammkonferenz der ARD nicht leicht gemacht“, wie Programmdirektor Volker Herres am Freitag mitteilte. Die Serie sei eine „Ikone“ und ein „Spiegelbild unserer Republik“. „Doch wir müssen nüchtern und mit Bedauern feststellen: Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie.“ Tatsächlich waren die Quoten zuletzt stark gesunken. Sahen zu Spitzenzeiten wie 1991 im Jahresdurchschnitt 10,2 Millionen Zuschauer zu (ein Marktanteil von 46,3 Prozent), sind es im laufenden Jahr nur noch 2,18 Millionen (und 8,9 Prozent).

Erst verrissen, wurde die Serie bald zum letzten Lagerfeuer

Bei jüngeren Formaten wie „Babylon Berlin“ zeigt sich die ARD da wagemutiger und weniger quotenfixiert, hier wurden ganz andere Etats abgenickt. Das Aus der „Lindenstraße“ liegt zum einen daran, dass sich zwar das Personal der Serie immer wieder radikal verjüngte, das Publikum aber immer älter wurde. Die andere Wahrheit aber ist, dass schon seit geraumer Zeit eine schleichende Entfremdung zwischen dem Sender und den Serienmachern, allen voran ihrem Erfinder Hans W. Geißendörfer, zu verzeichnen war. So hatte das Erste, in den Anfangszeiten undenkbar, etwa während der Olympischen Spiele den festen Sendeplatz am frühen Sonntagabend schon mal geräumt und manche Folge ins Spätprogramm oder sogar auf den Spartensender One verbannt. Geißendörfer hatte dies stets lautstark kritisiert.

Zum Serien-Aus flechtet ihm Herres noch einmal Lorbeeren. Geißendörfer habe als Vater der „Lindenstraße“ Fernsehgeschichte geschrieben: „Ihm sowie allen Mitwirkenden gelten unser Respekt und unser Dank.“ Für die Macher der Serie, von der am Sonntag die 1696. Folge läuft, wird das freilich wie Hohn klingen. „,Lindenstraße’ steht für politisches und soziales Engagement, für Meinungsfreiheit, Demokratie, gleiche Rechte für alle und Integration, was in Zeiten von Rechtsruck und Ausländerfeindlichkeit wichtiger ist denn je“, polterte Geißendörfer denn auch nach Bekanntwerden der Entscheidung.

Lange war „Lindenstraße“ Kult: die erste Endlos-Serie des deutschen Fernsehens, die in die Stuben und Küchen und damit in die Seele der Deutschen spickte. Viele Zuschauer haben hier erstmals Bekanntschaft mit Griechen oder Chinesen gemacht, hier gab es den ersten schwulen Kuss und auch den ersten Aids-Kranken des deutschen Fernsehens. Ein Spiegelbild der Befindlichkeiten, das schwebte Geißendörfer vor. Erklärtes Vorbild war die „Coronation Street“ – die seit 1960, und nach wie vor, im britischen Fernsehen gesendet wird –, aber auch Geißendörfers Erinnerungen an die eigene Kindheit in einem Mietshaus.

Als die Serie am 8. Dezember 1985 anlief, hagelte es allerdings erst mal Verrisse. Was vor allem an der anfangs billigen Video-Qualität lag. Dem immerhin wurde bald mit herkömmlichem Filmmaterial Abhilfe geschaffen. Die Kritik an den platten Figuren und Handlungssträngen aber riss nicht ab. Viele Schauspieler wurden ganz persönlich angegriffen, so dass die oft nur unter Tränen spielen konnten. Einige sprangen sogar ab und mussten durch andere Darsteller ersetzt werden.

Aber sehr schnell wurde aus dem großen Aufreger eines der letzten Lagerfeuer der Fernsehnation, wo sich noch mal ganze Familien zusammenscharten, weil jeder hier eine Identifikationsfigur fand, selbst Stammtischparolenschwinger. Gleichwohl lebte die Serie der Republik die offene Multikulti-Gesellschaft vor. Wozu eben auch gehörte, alle Debatten, die in Deutschland geführt wurden, mutig einzubinden – oder überhaupt erst anzuregen.

Das war lange ein Erfolgsrezept. Bald kannte der Fernsehzuschauer die Nachbarn der „Lindenstraße“ (die zwar in München spielen soll, aber in Köln gedreht wird) bald besser als die Mitmieter im eigenen Block. Und viele Schauspieler haben tatsächlich über 30 Jahre lang „Lindenstraße“ gedreht, sind mit ihr alt und älter geworden, wie Gabi Zenker, Gung mit seinen Konfutse-Weisheiten oder Mutter Beimer. Als solche hat Marie-Luise Marjan sogar Inge Meysel als Mutter der Nation beerbt. Und wurde sowas wie das Gewissen der deutschen Hausfrau.

Bis zuletzt bleibt „Lindenstraße“ am Puls der Zeit. Wenngleich unfreiwillig. Weil die Serie nun auch vom Ende des klassischen Fernsehens und des tradierten Konsumverhaltens erzählt. Die Jungen gucken längst ganz andere Formate, und nicht mehr von Fernsehanbietern, sondern von Streamingdiensten. Gut möglich, dass durch das Serien-Aus nun doch mal wieder ein paar Zuschauer, die längst abgesprungen sind, noch mal reinschauen bei den guten alten Bekannten. Bis März 2020 haben sie noch Zeit. Die ARD verspricht „noch viele interessante Folgen“. Und ein fulminantes Finale.

Hartgesottene Fans wollen sich damit indes nicht abspeisen lassen. Im Internet wurde schon gleich nach Bekanntgabe eine Petition gestartet: „Stellt die Lindenstraße nicht ein!“