Berlin

Jonathan Meese: „Kunst wird siegen“

Der Berliner Künstler Jonathan Meese über Parteien, Religion, Kuchenbacken und seine radikale Ablehnung von Ideologien.

Jonathan Meese / Künster in der Alten Nationalgalerie

Jonathan Meese / Künster in der Alten Nationalgalerie

Foto: Reto Klar

Jonathan Meese wird nicht von allen gemocht. Er ist angetreten, die Kunst zu revolutionieren, ruft seit Jahren zur „Diktatur der Kunst“ auf. Seit einiger Zeit versucht er klarzumachen, dass die Kunstfigur nicht der Mensch ist. In der achtteiligen arte-Serie „The Art of Museums“ (ab 25. November, 15.35 Uhr), in der Kulturschaffende durch Museen der Welt führen, ist auch er Protagonist.

Mit wem rede ich jetzt: mit „Jonathan Meese“ oder mit Jonathan Meese?

Jonathan Meese: Weiß ich nicht, kann ich noch nicht sagen.

Entscheiden Sie das während des Gesprächs?

Ja, oder Sie entscheiden das. Beziehungsweise die Kunst entscheidet, was er gerade ist.

Das heißt, auch unser Gespräch ist Kunst?

Ja. Auch wenn Sie schlafen, sind Sie Künstlerin. Bislang hat man den Schlaf jedenfalls noch nicht durchideologisieren können.

Wieso suchen so viele nach Systemen?

Das ist denen leider eingeflößt worden, wie eine Art Dressur. Wenn man aufwächst, kriegt man ja ständig Angebote, irgendwo dazugehören zu können. Da muss man Ärzte fragen, wieso das so ist. Ich habe immer ‚nein danke!‘ gesagt.

Wann zum Beispiel?

Wenn man sagte: ‚Werd doch Politiker.‘

Aus Ihrer Sicht dürfte Politik gar nicht existieren, weil sie ideologisch ist. Wie sollte die Gesellschaft dann aufgebaut sein?

Ohne Politik! Es würde schon jemanden geben, der die Stadt oder das Dorf leitet. Der wäre aber weder links noch rechts, sondern da für die Sache. Ich gehe ja auch in ein Restaurant, was nicht FDP, CDU oder AfD ist. Alles, was man tut, kann übrigens ideologisch sein oder eben nicht. Ideologisch Kuchen backen oder nicht ideologisch Kuchen backen.

Ideologisch Kuchen backen?

Wenn man meint, Kuchenbacken stünde für Katholizismus oder so. Da kann der Kuchen nichts für, der schmeckt wahrscheinlich trotzdem gut oder schlecht. Leider gibt es viel zu viele, die in eine Ideologie zurückwollen. Für die brauchen wir Zeitmaschinen. Für die Zukunft brauchen wir die nicht, die ist ja da. Außer ich will sie verhindern.

Macht Ihnen die derzeitige Politik Angst?

Politik macht mir generell Angst. Und Religion. Das Praktizierte und Niederknien, der Herdentrieb, dieses Guruismentum, die Jubeleien in Parteien – das ertrage ich nicht. Ich bin Hermetiker.

Die Suche nach Zugehörigkeit im Chaos der Welt – ist das immer schlimm?

Auch ich habe natürlich Familie und Freunde. Und man kann auch auf der Straße ein Volksfest feiern oder Fußball spielen oder so – in Gruppen sein. Aber in dem Moment, wo Ideologie reinkriecht, interessiert es mich nicht. Die Fußball-Weltmeisterschaft guck ich mir nicht mehr an. Da geht es nur darum, eine Ideologie nach vorne zu tragen.

Gibt es einen Weg daraus?

Kunst wird ja siegen. Das kann lange dauern oder es geht ganz schnell.

Was bedeuten Museen für eine Gesellschaft?

Ein Museum muss zeigen, was zukünftig ist.

Wir sitzen hier zwischen Gemälden von vor 500 Jahren …

Es sind geile Sachen, die überlebt haben, auch das ist damit schon Zukunft.

Muss man stark sein, um sich gegen das über Jahrhunderte Verankerte zu stellen?

Ich finde es viel schwieriger, in einer Gruppe zurechtzukommen, als einfach mit Freunden zu Hause hermetisch in die Zukunft zu gehen.

Lenkt uns das Internet in die falsche Richtung?

Ich bin da auch viel unterwegs. Man muss sich darin aber nicht andocken, sondern raus aus den Fallen, die einem gestellt werden. Wir sind alle mündig und können das.

Es gibt nur so viele Dumme.

Das ist deren Problem. Die dürfen bloß nicht entscheiden, was Kunst oder Zukunft ist. Dummheit ist übrigens schon in Ordnung, nur eine ideologische Zusammenrottung ist verboten.

Fühlen Sie sich frei?

Wenn ich Kunst mache, ja. Ich bin immer erstaunt, dass sich viele nicht so fühlen und viel Angst haben.

Haben Sie denn gar keine – außer vor Politik und Religion?

Doch. Vor dem Tod und davor, dass meine Mutter stirbt. Dass es meinen Freunden nicht gut geht oder dass ich krank bin. Aber ich habe eben diesen einen Ort, wo ich weiß, der ist angstfrei, da kann ich loslegen. Und das kann jeder. Jedes Kind kann ja spielen, ist Künstler, hat ein Potenzial des Überkindes. Für mich ist der Übermensch übrigens etwas sehr Positives, das ist nämlich das Kind in uns.

Die bekannteste Übermensch-Konzeption stammt von Friedrich Nietzsche und wurde später von den Nationalsozialisten gewissermaßen missbraucht …

Wir müssen die ganzen Begriffe neu sortieren, sie formen und füllen. Viele Sachen sind gar nicht schlimm. Das Wort Volk ist super, wenn es toll ist, wenn es radikal zukünftig ist. Aber ein mittelmäßiges? Nein danke. (lacht) Ein Kunstdeutschland ist auch gut! Ob es aus einer Person besteht oder aus sechs Milliarden, ist mir egal.

Dass Sie Symbole und Terminologien umdeuten wollen, haben Sie ja mit dem sogenannten „Meesegruß“ versucht.

Ja, weil das Festgeschriebene Projektionen durch schrecklich verheiligte Menschen sind. Heilige Berge haben doch auch niemals behauptet, heilig zu sein. Alles Quatsch! Das ist mir zu ausgedacht. Das Tier darf ich essen, das nicht – nein! Das ist Geschmack! Ich kann sagen, ich mag kein Schwein, aber daraus eine Ideologie zu machen, ist mir zu dämlich. (zeigt auf ein Bild) Es kann auch sein, dass ich das Bild nicht mag, aber das ist ja möglicherweise trotzdem Kunst.

Wann ist denn aus Ihrer Sicht ein Bild ein gutes?

Wenn es evolutionär beendet wurde und dann weitergeht. Darüber hab ich keine Entscheidungsbefugnis. Die Zukunft nimmt die Bilder mit auf die Reise, die sie haben will.

Das klingt spirituell.

Nein! In meinem Leben nicht! Ich bin auch nicht esoterisch oder okkultistisch!

Klar, weil es ideologisch wäre. Aber in wessen Macht liegt es dann?

In der Zukunft! Das was hier hängt, ist ja auch nach ihr entschieden worden. Am Ende des Tages haben es wahrscheinlich das Werk und das Gebäude entschieden, nun hier zu sein. Die Menschen spielen jedenfalls eine sehr geringe Rolle dabei.

‚Machen, machen, machen!‘, das sagen Sie oft. Kreative Blockaden haben Sie nie?

Ich sehe das nicht so bierernst. Da mache ich dann eine Grimasse oder Witze mit Freunden. Oder esse halt eine schöne Currywurst oder zimmere irgendwas zusammen, bin müde oder gehe ins Kino. Das ist ja auch Kunst.

Was raten Sie denn dem Nachwuchs?

Sich den Arsch abarbeiten. Und sie müssen lieben, was sie tun. Viele wollen von mir wissen, wie man Hingabe entwickelt, aber das kann ich denen ja nicht beibringen.

Was ist mit Geld?

Das kommt von selber. Bei mir hat es 25 Jahre gedauert, es gab Hürden und Anfeindungen. Da muss man eine etwas dickere Haut entwickeln. Das kann man übrigens am besten zu Hause. Jedenfalls nicht, wenn man auf jeder Eröffnung ist!

Zu Hause im Beisein Ihrer Mutter?

Sie ist ein Fels in der Brandung, der vertraue ich wie meinen Freunden. Ich kenne sie ja schon so lange, sie ist seriell vorhanden. Ihre Befehle sind einfach evolutionär. ‚Jonathan, du siehst müde aus, penn’ doch mal!‘

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