Serie

Tanz den Puls der Stadt: „Beat“

Marco Kreuzpaintner hat mit „Beat“ eine Serie über die Technostadt Berlin gedreht. Auch als eine Art Eigentherapie, im doppelten Sinn.

Roh, fiebrig, hektisch: So macht der Clubbetreiber Beat (Jannis Niewöhner, M.) die Nacht zum Tag. Bis er plötzlich in kriminelle Machenschaften verwickelt wird.

Roh, fiebrig, hektisch: So macht der Clubbetreiber Beat (Jannis Niewöhner, M.) die Nacht zum Tag. Bis er plötzlich in kriminelle Machenschaften verwickelt wird.

Foto: Amazon Prime

Berlin. Die letzten Folgen der zweiten Staffel von „Babylon Berlin“ werden am heutigen Donnerstagabend im Ersten ausgestrahlt, da startet morgen auf Amazon Prime Video schon die nächste Berlin-Serie. Auch in „Beat“ tanzt man exzessiv und eskapistisch, aber nicht in den Vergnügungspalästen der 20er-Jahre, sondern in heutigen Techno-Bunkern. Roh, fiebrig, adrenalingeladen, hektisch, wummernd, laut, ausgebrannt: So zeigt der Siebenteiler die Berliner Partyszene. So ist der Film auch gedreht und geschnitten. Mit einem Clubbetreiber (Jannis Niewöhner), den alle nur Beat nennen und der sich nachts mit Ecstasy zudröhnt – und tags mit anderen Pillen aufputscht.

Reaktion auf traumatische Erfahrungen beim Kino

Als Technoserie will Regisseur Marco Kreuzpaintner seine prominent besetzte und virtuos gespielte Produktion dennoch nicht verstanden wissen. Es ist vielmehr ein gewagter Genremix mit dem, was man international Murder Mystery nennt. Denn plötzlich hängen zwei Leichen an der Decke des Clubs. Und Agenten einer internationalen Behörde (Karoline Herfurth und Christian Berkel) wollen Clubbetreiber Beat als Spitzel anwerben. Er soll einen dubiosen Geschäftemacher (Alexander Fehling) ausspionieren, der sich in den Club eingekauft hat, um dort seine krummen Dinger mit Waffen und menschlichen Organgen zu drehen.

Wir treffen Kreuzpaintner im Soho House an der Torstraße in Mitte, die erste Adresse der Stadt für junge, internationale Hipster. Wir haben uns aber auch dort verabredet, weil der Regisseur von Erfolgsfilmen wie „Sommersturm“ und „Krabat“ nicht mehr in der Hauptstadt wohnt. Ja, gibt er zu, auch er habe lange dem Nachtleben gefrönt. Partys, Drogen, Sex, das war auch mal sein Lebensstil. Bis er, nach zwölf Jahren Berlin, genug hatte. Den Beat, die Schlagzahl dieser Stadt konnte er irgendwann physisch nicht mehr ertragen, wie er zugibt: „Ich musste mich wieder richtig nullen.“

Deshalb ist er aufs Land gezogen. Weil Brandenburg nicht seins ist, zog er zurück nach Bayern, wo er herkam. Aber die Sehnsucht, die blieb. Aus dieser „Berlin-Diaspora“, wie er es ironisch nennt, hat er sich mit der Serie wieder in den Puls der Stadt hineingeschrieben. „Wobei auch spannend bleibt, wie lange es diese Technoszene noch geben wird, wenn sie durch die Gentrifizierung immer weiter an die Ränder der Stadt getrieben wird“, wie er zu bedenken gibt. Deshalb wollte er dieses Lebensgefühl „ein Stück weit konservieren“. Gedreht hat er dann vor Ort, in Berlin. „Jetzt“, sagt er, „bin ich soweit, dass ich wieder zurück könnte.“

Die Serie war freilich auch in anderer Hinsicht eine Art Therapie. Jahre ist es her, dass der heute 41-Jährige seinen letzten Kinofilm gedreht hat. „Stadtlandliebe“ war nicht nur eine Auftragsarbeit, sie wurde im Nachhinein auch so umgeschnitten, dass es nicht mehr sein Film war und er seinen Namen eigentlich hätte zurückziehen müssen. Eine traumatische Erfahrung. Danach hat er erst mal Fernsehen gemacht. Auch wenn das eigentlich nicht so seins ist, war es doch „eine gute Ausweichmöglichkeit, um mich etwas aus der Schusslinie zu nehmen“. Er sei, gibt er zu, vielleicht immer einer fixen Idee hinterhergelaufen, die es gar nicht mehr gibt: die vom Kino als Königsklasse. Inzwischen diagnostiziert er recht resigniert, dass „der sich deutsche Film mit seiner Formelhaftigkeit zugrunde richtet und das Publikum sich irgendwann gelangweilt abwenden wird“.

Kreuzpaintner wollte wieder etwas Ur-Eigenes machen. „Beat“ basiert auf einer Originalidee von ihm, auch wenn er die Lorbeeren nicht allein einheimsen will und seinen Autor Norbert Eberlein hervorhebt. Weil auch Kreuzpaintner eigentlich nur noch Serien guckt, ist auch „Beat“ eine geworden. Alle machen ja jetzt Serien. Alle lieben es, Stoffe in beliebig vielen Folgen zu erzählen. Alle lieben auch die Freiheiten fern von Produzenten- und Redakteurs-Zwängen. Wobei Kreuzpaintner da vielleicht klarer sieht als mancher Kollege. Klar, hat auch er die Freiheiten genossen. „Aber ich weiß gar nicht, ob die wirklich alle so offen und interessiert sind. Vielleicht sind nur einfach die Strukturen noch nicht so gewachsen wie beim Fernsehen oder beim Film.“ Man muss also schauen, ob Streaming-Portale wie Netflix und Amazon wirklich auf Dauer mit der großen künstlerischen Freiheit punkten oder nicht auch immer mehr hineinreden in ihre Produktionen.

Wird auch Kreuzpaintner jetzt, wie so viele Filmemacher, nur noch Serien drehen? Ist das das Ende des klassischen Kinos? „Nein, das dürfen wir nicht zulassen“, sagt Kreuzpaintner, er ruft es fast, und man merkt, dahinter steckt viel Leidenschaft. Er sieht diese Entwicklung deutlich optimistischer als die meisten. „Ich hoffe, dass die Serien das Kino wieder befruchten.“ Gerade hat er einen neuen Kinofilm abgedreht. „Der Fall Contini“ nach Ferdinand von Schirach mit „Fack ju, Göhte“-Star Elyas M’Barek. Etwas von ­seiner Serienerfahrung, meint der Regisseur, habe er in diesen Film mitnehmen können. „Und auch bei Stars wie Elyas gibt es die Sehnsucht, nicht das ganze Leben lang Komödien drehen zu müssen.“ Es gehe nicht nur um Erzählformate, es gehe immer auch um die Präsentation: „Und dieses Gemeinschaftserlebnis auf großer Leinwand, das ist durch nichts zu ersetzen.“ Kino, so Kreuzpaintners Credo, darf man nicht aufgeben. Trotz allem.

„Beat“: sieben Folgen à 45 Minuten, ab 9. November auf Amazon Prime Video.

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