Jüdische Kulturtage

Unterwegs mit Moishe Winnetou - Ilja Richter singt Kreisler

Im Einsatz für Karl May: Ilja Richter singt bei den Jüdischen Kulturtagen Songs von Georg Kreisler.

Ilia Richter Schauspieler

Ilia Richter Schauspieler

Foto: Reto Klar

Berlin. Ilja Richter muss so etwas wie eine historisch wichtige Figur sein. Bei einer Rateshow im Fernsehen wurde kürzlich nach einer politischen Jahreszahl gefragt. Als Hilfestellung verwies Antwort A auf das Jahr 1971, in dem Ilja Richter begonnen hatte, die Musiksendung „Disco“ zu moderieren. Es war beiläufig auch die sympathischste Erklärung unter den drei Möglichkeiten. Antwort A war richtig. Der Berliner Schauspieler, Sänger und Ex-„Disco“-Moderator (65) muss schmunzeln, als ich ihm das erzähle. „Ich finde es gut, dass man sich eine Generation lang begleitet hat“, sagt er: „Ich werde auf der Straße oder im Theater immer wieder liebevoll darauf angesprochen.“

Die freche, selbstdarstellerische Attitüde hat Ilja Richter immer noch wunderbar drauf. Der „Licht aus. Spot an!“-Einheizer bezeichnet sich selbstironisch als „Oberkellner der Musikbranche“, aber er sei ja nicht für jede Speise verantwortlich gewesen, die hatte ja der Koch zubereitet. Und wir wissen aus der Erinnerung, dass der Koch häufig in Diensten der deutschen Schlagerindustrie stand. „Insofern konnte ich nicht jedes Gericht lieben, aber ich habe meinen Job gerne gemacht.“ Ilja Richter war damals mit Sakko, Krawatte und bravem Humor das Gegenmodell zu den wilden Jungs.

Mit Georg Kreislers Texten ist er aufgewachsen

Normalerweise verdrehen Künstler gern die Augen, wenn man sie auf Erfolge ihrer Kinder- oder Jugendjahre anspricht. Ilja Richter hingegen genießt es. „Ich mache das beste daraus, in dem ich seit Langem schon etwas anderes mache, mich die Menschen aber daher kennen. Ich nenne das immer die positive Brechung.“ Das heißt, er steht zu seiner Vergangenheit und nimmt sie als Vertrauensvorschuss in Anspruch, will aber die Leute lieber mit anderen Dingen überraschen. Bei den Jüdischen Kulturtagen tritt er am Mittwoch mit einem Georg-Kreisler-Programm auf.

Der 2011 verstorbene österreichische Chansonnier steht ihm nahe. „Seit meinem 14. Lebensjahr ist er fast eine intellektuelle Selbstverständlichkeit für mich“, sagt sein Berliner Interpret: „Eine Herzenssache, das summe und singe ich auch privat. Ich bin damit groß geworden.“ Dass mit dem Großwerden hat eine familiäre Seite. „Sich über die Weimarer Republik zu unterhalten, das war bei uns zu Hause selbstverständlich. Die Mama war Jüdin, der Vater Kommunist, wofür er ins KZ kam.“ Die Mutter hat die Nazizeit nur unter falschem Namen überlebt, die Großmutter war am Berliner Weinbergsweg 3 an den Haaren die Treppe heruntergezogen und wenig später in Auschwitz ermordet worden.

In jüdischen Familien gibt es vielmehr Schweigen, als die meisten denken. Ilja Richter hat sich erst mit 30 zu seinen Wurzeln öffentlich bekannt. Er nannte sich einmal einen „Fünf-Minuten-Juden“. Es gäbe Momente, in denen wisse er genau: „Jetzt bin ich ein Jude“. Nach diesen fünf Minuten sei es vorbei. Aber wer will das schon jemandem abnehmen, der Georg Kreisler so mit Herz und Seele anhängt?

Kreisler war als Jude vor den Nationalsozialisten von Österreich in die USA emigriert. Erst 1955 war er zurückgekehrt. „Georg Kreisler ist der Auftrag“, sagt Ilja Richter: „Als er aus der Emigration zurückkam, war er selbst schon einer der letzten eines untergegangenen Genres – des literarischen Chansons, noch dazu in einer speziellen Wiener Linie.“ Er sei ein vorsichtiger Duzer, sagt Ilja Richter irgendwann im Gespräch: „Die Welt duzt sich zu Tode, gerade in Schauspielerkreisen. Aber Georg und ich taten es.“

Mit Liedern wie „Tauben vergiften im Park“, „Telefonbuchpolka“ oder „Opernboogie“ war Kreisler einem größeren Publikum bekannt geworden. Ilja Richter will gemeinsam mit der Pianistin Sherri Jones auch Raritäten präsentieren. Seine Sherri bezeichnet Richter als „superb“. Kreisler habe sie als Interpretin seiner Musik geschätzt.

„Durch Kreislers Brille – Gehörtes, Unerhörtes und Ungehöriges“ ist das heutige Programm im Ballhaus an der Chausseestraße überschrieben. Es gehört zu Richters Humor, dass er sich dementsprechend auch auf den Fototermin vorbereitet. Das sei ihm morgens eingefallen, sagt er. Also hat er sich eine Kreisler-Brille aufgesetzt und eine Indianerfeder ins Haar gesteckt. „Das ist etwas Symbiotisches“, sagt er wohl wissend, wie merkwürdig das aussieht. Aber im Berliner Schlossparktheater zeigt er auch noch einmal sein Karl-May-Programm: „Auf dem Foto stehe ich mit Kreisler-Brille und Indianerband als eine Art Moishe Winnetou da“, sagt Ilja Richter. „Georg Kreisler und Karl May sind die beiden, mit denen ich mich seit zwei Jahren am meisten beschäftige.“

Jüdische Kulturtage, Ballhaus Berlin, Chausseestr. 102, 7.11. um 20 Uhr. Restkarten beim Ballhaus unter Tel. 28 27 575

„Vergesst Winnetou“, Schlossparktheater, Schloßstr. 48, Steglitz. 17.11. um 16 Uhr. Tel. 7895667 - 100

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