Veranstaltung

Der „Jüdische Zukunftskongress“ beginnt heute in Berlin

Vom heute an bis zum 11. November sollen Ideen zur Verfestigung und Erneuerung jüdischen Lebens in Deutschland diskutiert werden.

Rabbiner Walter Homolka

Rabbiner Walter Homolka

Foto: dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte / picture alliance / Julian Strate

Berlin. Die drei Punkte am Ende des Titels der Veranstaltung, sie seien nachdenklich, aber positiv zu verstehen. Das sagt Rabbiner und Professor für jüdische Religionsphilosophie Walter Homolka über das Motto des Jüdischen Zukunftskongresses: „Weil ich hier leben will ...“

Zum 80. Jahrestag der Reichs­pogromnacht veranstaltet die Leo-BaeckStiftung, deren Vorsitzender Homolka ist, in Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa den Jüdischen Zukunftskongress in Berlin. Vom heutigen Montag bis zum 11. November sollen Ideen zur Verfestigung und Erneuerung jüdischen Lebens in Deutschland diskutiert werden. Denn, so heißt es aus der Kultursenatsverwaltung: Das jüdische Leben in Berlin ist 2018 so vielfältig, wie es nach Zweitem Weltkrieg und Schoah kaum vorstellbar war.

Es war Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der den Anstoß für einen Kongress gab. Der soll den Blick nicht nur in die Vergangenheit richten: „Sondern man gedenkt, um die Gegenwart zu verändern und um nach vorne zu schauen“, sagt Lederer. Es gehe um Fragen wie diese: „Was bewegt jüdische Menschen in unserer Stadt? Und: „Warum sind sie eigentlich hier?“

Denn die jüdische Gemeinde hat sich in den letzten knapp 30 Jahren rasant verändert. Auf deutschlandweit 25.000 alternde Gemeindemitglieder kamen rund 200.000 Kontingentflüchtlinge aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. „Die zweite Generation dieser jüdischen Zuwanderer ist heute in einem Alter, in dem sie darüber entscheiden können, ob sie dauerhaft hier leben wollen“, sagt Rabbiner Homolka. Erlebt das jüdische Leben in Deutschland eine dauerhafte Renaissance – oder wird es durch Antisemitismus wieder verdrängt. Das sei eine der entscheidenden Fragen des Kongresses.

Wie umgehen mit der neuen Vielfalt?

Berlin, das betonen die Veranstalter des Zukunftskongresses, entwickle sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Europa. Die jüdische Gemeinde zu Berlin zähle laut Homolka circa 10.000 Mitglieder, hinzu kämen die vielen Tausend Israelis, die es in die deutsche Hauptstadt ziehe – und diejenigen Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die dort als ethnische Juden galten, hier aber keine Aufnahme in die Gemeinden fanden. „Die jüdische Identität ist fluider geworden. Die neue Vielfalt ist spannend, aber unsere teils starren Strukturen müssen erst lernen, damit umzugehen.“

Und so sprechen am Mittwoch etwa die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, eine Rabbinerin und eine Soziologin zum Thema „Jüdischkeit außerhalb von Synagogen und Gemeindestrukturen“. Am Mittwochabend findet in der Fahimi Bar in Kreuzberg eine Diskussion zum Thema „Zwischen Club Voltaire, Russendisko, Berghain und Club Odessa. Aktuelle Generationsfragen einer Gemeinschaft“. Im Anschluss legt DJ Yuriy Gurzhy seine „Russendisko“ auf.

Aber auch die Frage des neuen Antisemitismus spielt eine wichtige Rolle beim Kongress. Homolka stellt klar: „Das deutsche Asylrecht fußt auf der Erfahrung der Juden, die nach der Reichspogromnacht kaum Zuflucht in anderen Ländern bekamen.“ Man setze sich daher ungebrochen für eine humanitäre Migrationspolitik ein. Aber: Wahlergebnisse von bis zu 20 Prozent für die AfD seien ein Schock. Offener Antisemitismus von muslimischer Seite eine weitere Belastungsprobe für jüdisches Leben im Land. Auch darum gehe es: Wie schaffen es junge Juden und Muslime, dass der Dialog die Intoleranz bezwingt. Die jüdische Gemeinde, sie stehe erneut an einer Wegscheide. Man könnte sagen: ein Kongress über die Zukunft jüdischen Lebens kommt zur richtigen Zeit an den richtigen Ort.

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