Schauspieler

Babylon-Berlin-Star Peter Kurth spielt am Deutschen Theater

In der Inszenierung „Die stillen Trabanten“ von Schriftsteller Clemens Meyer spielt Peter Kurth einen Security-Mann.

Schauspieler Peter Kurth ist oft zu sehen – hier als Kommissar Wolter in „Babylon Berlin

Schauspieler Peter Kurth ist oft zu sehen – hier als Kommissar Wolter in „Babylon Berlin

Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky

Berlin. Am Fernseher kommt man nicht vorbei, wenn man sich in diesen Tagen auf ein Treffen mit Peter Kurth vorbereitet: In der Serie „Babylon Berlin“, die derzeit im Ersten ausgestrahlt wird, spielt er den Kommissar Bruno Wolter (Abteilung Sitte), den etwas undurchsichtigen Kollegen des von Köln nach Berlin gewechselten Gereon Rath. Außerdem ist Kurth in „Die Protokollantin“ im ZDF zu sehen – in beiden Fällen werben die TV-Sender mit seinem Gesicht. Mit dieser markanten Nase, deren Spitze so herrlich knubbelig ist, und diesen scheinbar kleinen, aber wachen Augen.

Er gilt als wortkarg, soll Fragen auch schon mal schlicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten – typisch Mecklenburger, um ein Klischee zu bedienen. Also lieber noch mal über die erste Frage nachdenken, die kann ja entscheidend sein, denn noch probt Peter Kurth. Ja, er spielt in Berlin Theater: „Die stillen Trabanten“ haben am 11. November im Deutschen Theater Premiere, Regie führt Armin Petras.

Dass er jetzt auf der Bühne steht, ist für ihn überhaupt nichts Außergewöhnliches. Natürlich kennen ihn die meisten aus dem Fernsehen, im Theater schauen halt keine Millionen zu. Aber Kurth ist, auch wenn seine Filmkarriere nun richtig Schwung aufgenommen hat, ein klassischer Bühnenmensch. Er war in Berlin Ensemble­mitglied am Maxim Gorki Theater unter dem Intendanten Armin Petras und wechselte mit ihm vor fünf Jahren ans Schauspiel Stuttgart. Er bezog mit seiner Frau Susanne Böwe, ebenfalls Schauspielerin, eine kleine Wohnung in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, um nicht zu oft zwischen den beiden Schwabenhochburgen pendeln zu müssen; ihre Wohnung in Prenzlauer Berg haben die beiden nicht aufgegeben.

Kurth zieht seine Jacke aus und stellt sich an den Kicker

„Er ist jetzt so weit“, heißt es. Wir gehen ins Foyer der Kammerspiele, wo ein Tischfußballspiel steht. „Ach, dann können wir ja eine Runde kickern, wenn das Gespräch stockt“, sage ich zur Begrüßung. Peter Kurth zieht sofort seine Jacke aus und stellt sich an den Tisch. „Wo ist denn der Ball?“, fragt er trocken. Den bringt wohl erst der Abenddienst mit, damit Zuschauer nach der Vorstellung noch ein bisschen spielen können.

Wir setzen uns in Blickweite zum Kicker. Mit Regisseur Armin Petras verbindet Kurth eine lange künstlerische Zusammenarbeit. An die erste, obwohl ein Vierteljahrhundert her, erinnert er sich noch genau. Damals in Chemnitz hat er Rio Reiser kennengelernt. Der hatte die Musik für „Knockout Deutschland“ komponiert. Man kann nur ahnen, welche emotionale Welle zusammen mit der Erinnerung hochgespült wird, wenn der Mecklenburger nach kurzem Nachdenken sagt: „Es war eine einzigartige Begegnung, eine Erinnerung, die für immer bleibt.“

Aktuell steht die Begegnung mit dem Schriftsteller Clemens Meyer auf dem Programm. Kurth schätzt die Werke des in Leipzig lebenden Autors, der für seinen Prosaband „Die Nacht, die Lichter“ 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann und das mit einem Bier in der Hand medienöffentlich feierte. In „Die stillen Trabanten“, so heißt sowohl der jüngste Erzählband von Meyer als auch die neue Inszenierung am Deutschen Theater, spielt Kurth unter anderem einen Security-Mann. Der bewacht jede Nacht ein Asylbewerberheim, das vorher ein Ausländerwohnheim war, auch Soldaten der Roten Armee nutzen schon die Immobilie. Der Protagonist verliebt sich in eine junge Frau, glaubt, sie viele Jahre später kaum verändert wiederzusehen. In der Inszenierung ist Kurth in „drei Geschichten drin“ und in „einer, da bin ich da“, sagt er ähnlich undurchsichtig wie seine „Babylon“-Figur und ergänzt: „Hoffentlich gefällt’s den Leuten.“

Die Figuren von Clemens Meyer gehören oft, wie man so sagt, zu den „kleinen Leuten“. Ein Begriff, den Kurth nicht mag. „Ich stelle mir das praktisch vor“, sagt er, und zeigt mit seinem Arm einen halben Meter über den Boden. „Wie klein sind sie denn?“ – und lacht. Für ihn ist Clemens Meyer „ein sehr faszinierender Geschichtenerzähler. Wo kommen wir her, wo sind wir gerade, wo geht es hin. Geschichten, die einen Weg erzählen. Er spielt mit den Zeitebenen, seine Figuren sind stark, interessant und aus einer Gesellschaftsschicht, aus der die meisten Menschen kommen.“

Peter Kurth ist ein Clemens-Meyer-Spezialist. Auch im Kino war er schon in Geschichten des Leipziger Autors zu sehen. Hat im Spielfilm „Herbert“ einen sozial abgestiegenen DDR-Boxer gespielt, der im Rotlichtmilieu Schulden eintreibt. Für den Film „In den Gängen“ hat Kurth, der während seiner Armeezeit bei der NVA Panzerfahrer war, eine Prüfung fürs Gabelstaplerfahren abgelegt.

Geboren wurde er 1957 in Güstrow, wuchs wohlbehütet auf, wie er 2014 anlässlich der Auszeichnung zum „Schauspieler des Jahres“ gegenüber „Theater heute“ sagte. Das Magazin beschrieb ihn als „Meister des ausdrucksstarken, ja ­auratischen Stehens“. Ausgebildet wurde er an der Staatlichen Schauspielschule in Rostock. Es folgte der klassische Stadttheatermarathon, nach Stationen in Magdeburg, Stendal, Karl-Marx-Stadt – er war dort, als die Stadt wieder in Chemnitz rückbenannt wurde –, und nach Leipzig wechselte er ans Hamburger Thalia Theater.

Legendär sein Auftritt als Jahrmarktsganove Liliom im gleichnamigen Stück: Erst starrte er minutenlang ins Publikum, später onanierte er und schließlich entzog er sich der Verhaftung, indem er sich immer wieder ein Messer in den Leib rammte – seinerzeit rief der frühere Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi empört aus dem Zuschauerraum: „Das ist doch ein anständiges Stück, das muss man doch nicht so spielen.“

Kurths Bühnenpartnerin damals war Fritzi Haberlandt, die in „Babylon Berlin“ eine Kriegswitwe spielt, die Zimmer untervermietet. Diese Mammutproduktion zeichnet ja aus, dass selbst die kleinen Rollen hochkarätig besetzt sind: So ist etwa Alexander Khuon, der auch in den „Trabanten“ am Deutschen Theater dabei ist, in „Babylon“ in einer ziemlich spektakulären Szene kurz als Kopilot zu sehen: der Flieger ist auf dem Weg in die Sowjetunion zu einem Flugplatz, auf dem die sogenannte schwarze Reichswehr entgegen des Versailler Vertrages ihre Rüstungsprojekte verfolgt – die Maschine wird beinahe abgeschossen.

In der Serie geht es unter anderem um die illegale Wiederbewaffnung, um „Nationalstolz, der aber noch nicht faschistisch gefärbt ist“, sagt Kurth. Und es gibt natürlich Parallelen zu heute: Die Parteienlandschaft zersplittert zunehmend, „die großen Volksparteien schrumpfen. Und der radikale Rechtsruck ist erschreckend“, sagt Kurth.

Dass sich mit Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries drei Regisseure mit „Babylon Berlin“ beschäftigen, jeder mit eigenem Team inklusive Kameramann, ist ungewöhnlich. Und wie ist es für Schauspieler, mit drei Regisseuren zu arbeiten, die alle eine eigene Handschrift haben? „Die drei waren sehr homogen, sicher auch, weil sie zusammen das Drehbuch geschrieben und die Szenen entwickelt haben“, sagt Kurth. „Aber es ist schon schräg, wenn man an eine Tür klopft, hat einen Regisseur hinter sich und sechs Wochen später geht die Tür auf und ein anderer Regisseur nimmt dich in Empfang.“

In diesem Monat starten die Dreharbeiten für die dritte Staffel. Selbstverständlich schweigt Kurth über den Fortgang der Serie. Sein Tipp: „Schauen Sie sich das Ende der zweiten Staffel genau an.“ Das (vorläufige) Finale wird am kommenden Donnerstag ausgestrahlt.