„La Bayadère“-Premiere

Neuer Staatsballett-Intendant: „Ich glaube an das Konzept“

Johannes Öhman will eine Compagnie formen, die klassisch und modern tanzen kann. Ein Gespräch.

Staatsballett-Intendant Johannes Öhman im Probensaal der Staatsoper. Am heutigen Sonntag hat „La Bayadère“ Premiere

Staatsballett-Intendant Johannes Öhman im Probensaal der Staatsoper. Am heutigen Sonntag hat „La Bayadère“ Premiere

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Für Johannes Öhman ist die romantische Ballettproduktion „La Bayadère“, die am heutigen Sonntag in der Staatsoper aufgeführt wird, eine wichtige Premiere. Seit 1. August ist der 51-jährige Schwede Intendant des Staatsballetts Berlin. Gemeinsam mit der Berliner Choreografin Sasha Waltz will er das Spitzenballett neu profilieren, was bei der Berufung für viel Widerspruch sorgte. Öhman braucht Erfolge. Das Interview mit dem freundlichen, selbstbewussten Intendanten findet am Rande der Proben in der Staatsoper statt.

Herr Öhman, Sie sind gerade mal drei Monate im Amt und zeigen mit „La Bayadère“ gleich Ihre größte Produktion der Saison. Ihr Amtsvorgänger Nacho Duato war seinerzeit deutlich vorsichtiger in Berlin eingestiegen. Ist es für einen solchen Kraftakt nicht noch zu früh?

Johannes Öhman: Ich finde, wir sollten direkt pushen. Die Compagnie ist dazu in der Lage, der Start in die Saison war unerwartet gut. Und als sich die Gelegenheit ergab, mit einem Choreografen wie Alexei Ratmansky an die Quellen dieses Ballettklassikers von Marius Petipa zurückzukehren, da konnte man nur Ja sagen.

Mit Ihrem Kommen hatten viele einen bitteren Abbau im Staatsballett befürchtet. Stattdessen haben Sie die Planstellen von 84 auf 93 Tänzer erhöht?

Ich weiß nicht, wie es in der Vergangenheit war, aber unsere Aufgabe ist die Programmierung des Spielplans, woraus sich eine Anzahl von Tänzern ergibt, die man benötigt. Mir war schnell klar, dass wir mehr brauchen. Um das Repertoire zu sichern, war unsere Forderung, die Tänzerzahl um zehn Stellen zu erhöhen.

Das Staatsballett war durch seinen Gründer Vladimir Malakhov stark russisch geprägt. Wie wichtig ist die russische Ballettschule für Sie?

Ich habe keinen nationalen Standpunkt. Wenn zwei Tänzer zur Wahl stehen, dann spielt die Nationalität für uns keine Rolle. Wir, Sasha Waltz und ich, sind uns einig, dass wir die Tänzer aussuchen, die für unser Repertoire am besten geeignet sind. Die Kunstform Ballett kennt keine nationalen Grenzen.

Aber es gibt doch eine visuelle Komponente: In russischen Compagnien kommt der Nachwuchs meist aus der gleichen Schule. In amerikanischen Compagnien wirkt alles bunter gemischt.

Es gibt auch russische Schulen etwa in den USA oder in Japan. Das lässt sich heutzutage nicht mehr so klar trennen. Die Tradition ist in Russland wasserfester. So etwas ist in Berlin aber schwierig, wo eher die Tradition eines Theaters existiert und die Gesellschaft sich ständig verändert. An die Staatliche Ballettschule in Berlin kommen die Schüler auch aus aller Welt.

Malakhov hatte Probleme mit der Berliner Ballettschule. Wie ist Ihr Verhältnis?

Es ist eine tolle Schule.

Ballett wie Oper haben im 19. Jahrhundert gern das Exotische auf der Bühne vorgeführt, ist „La Bayadère“ heute nicht etwas kitschig?

Das ist eine gute Frage. Während der romantischen und kolonialen Zeit brachte man Ballette mit unbegrenzten Ressourcen auf die Bühne, dabei fragen wir uns: Wie hat der Tanz um 1877 – dem Entstehungsjahr dieser Produktion – ausgesehen, und worum ging es Petipa? Er hat für den Hof gearbeitet, die Notationen zu seinen Stücken sind glücklicherweise aufgehoben worden. Als Russland in die sowjetische Ära überging, sind viele Produktionen fallen gelassen oder geändert worden. Plötzlich sollte höher gesprungen und dem Geschmack des Publikums entsprochen werden. Wir möchten zurückgehen und den Ursprung untersuchen.

Wie gehen Sie mit den exotischen oder kolonialen Elementen um? Gibt es Tabus, die Sie im Ballett nicht brechen würden?

Ich finde zum Beispiel, dass man Hautfarbe nicht durch Theaterschminke simulieren oder übertünchen muss. Und auf jeden Fall gibt es Grenzen. In meinen vorherigen Intendanzen gab es Momente, in denen ich entscheiden musste, was geht und was nicht. In der zeitgenössischen Choreografie kann man viele Themen als Fragestellung formulieren. Im Klassischen gibt es aber Produktionen, in denen beispielsweise ein Junge mit geistiger Beeinträchtigung auf dem Marktplatz steht und von den Bewohnern gehänselt und ausgelacht wird. Es gibt Ballettdirektoren, die so etwas auf den Spielplan setzen, ohne die zugrunde liegende Bedeutung zu hinterfragen.

Sie sind angetreten, die traditionelle Compagnie für klassischen und modernen Tanz umzubauen. Was bedeutet das für die innere Struktur?

Es ist noch zu früh, um größere Aussagen zu machen, was geht und was nicht. Manche Strukturen können noch profiliert werden. Wir möchten, dass das Repertoire auf beiden Seiten gleichrangig den Qualitätstest besteht. Es gibt Leute, die darüber den Kopf schütteln, aber ich glaube an das Konzept.

Das Staatsballett bespielt alle drei Berliner Opernhäuser. Ist das ein gutes Modell?

Es bietet viele Möglichkeiten, weil es drei wunderbare Häuser sind und jedes Haus seine eigenen Vorzüge hat. Das Problem ist, dass wir kein eigenes Haus haben. Jedes Opernhaus hat einen eigenen Intendanten, zusätzlich gibt es uns als Ballett-Intendanten. Wir haben eine Basis in der Deutschen Oper, wo wir trainieren, aber wo ist die Heimat des Staatsballetts? Das ist vielleicht sogar eher aus der Publikumssicht gesprochen. Unterm Strich überwiegen aber die guten Seiten.

Sasha Waltz stößt erst in der nächsten Saison offiziell als Intendantin dazu. Was entscheiden Sie allein, was schon gemeinsam?

Sie ist derzeit stark in das 25-jährige Jubiläum ihrer Compagnie „Sasha Waltz & Guests“ eingebunden. Aber wir entscheiden alles gemeinsam und sprechen oder treffen uns wöchentlich.

Nach Ihrer Berufung gab es eine Art Kulturkampf ums Staatsballett. Auch Sie wurden sehr persönlich angegriffen. Wirkt das noch irgendwie bei Ihnen nach?

Zu der Kampagne kann ich nur sagen: Ich glaube, die Proteste sind wegen der schlechten Kommunikation entstanden. In dem Moment, als wir uns mit der Compagnie trafen, ist die ganze Blase geplatzt. Ein weiteres Thema war, inwiefern eine zeitgenössische Choreografin wie Sasha Waltz eine klassische Compagnie leiten kann. Auch ich wurde attackiert. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es vielen Leuten schwerfällt zuzuhören. Sasha Waltz und ich haben vom ersten Tag bis heute immer das Gleiche gesagt. Aber jetzt hören uns die Leute zu.

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