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Krimi

Die kleinen Verbrecher und die großen in der Politik

Die Serie „Babylon Berlin“ basiert auf dem ersten Gereon-Rath-Krimi von Volker Kutscher. Der legt derweil schon sein siebtes Buch vor.

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Es wird immer enger um Kriminalkommissar Gereon Rath. In der Serie „Babylon Berlin“ wird er gespielt von Volker Bruch

Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky

Wer erst über die aktuelle Serie „Babylon Berlin“ von Volker Kutschers historischen Berlin-Krimis erfahren hat, ist hier erst mal verloren. Denn während die Serie auf dem ersten Buch „Der nasse Fisch“ basiert, ist jetzt der siebte Roman der Reihe erschienen. Kutscher, der mit jedem Buch ein Jahr weiter springt und neben einer spannenden Krimihandlung vor allem erzählt, wie der Nationalsozialismus sich in Deutschland immer weiter ausbreitet, ist jetzt im Jahr 1935 angekommen.

Und das Schlüsseldatum, um das herum er stets seine Romane anordnet, ist diesmal der Reichsparteitag, auf dem die Rassengesetze verkündet wurden. Auch wenn die Großveranstaltung bekanntlich nicht in Berlin stattfand, sondern in Nürnberg.

Die Fährte führt zum Reichsparteitag in Nürnberg

Trotz all des Rummels um die Serie, die auch seine Popularität noch mal steigerte, hat Kutscher das Einzige getan, was er machen konnte. Er hat sich von dem ganzen Medienhype beherzt freigemacht und weiter sein eigenes Konzept verfolgt. In dem manche Figuren ganz anders gezeichnet ist als in der Serie. Dabei zieht sich die Schlinge immer enger um die Hauptfiguren. Da ist nichts mehr da von der Hoffnung des Kommissars Gereon Rath, dass der Nazi-Spuk bald ein Ende hätte. Immer mehr verfallen der Ideologie. Am schmerzlichsten der Junge Fritz, den Rath und seine Frau Charlotte aufgenommen haben: Er trägt stolz die Uniform der HJ. Und darf mitmachen beim großen Marsch der Jugend von Berlin zum Parteitag nach Nürnberg. Zu Fuß.

Aber auch Rath ist in der Kriminalabteilung der „Roten Burg“ weitgehend ausgeschaltet, weshalb er nun desillusioniert zum Landeskriminalamt wechselt. Am härtesten trifft es aber Charlotte, die erst Kriminalassistentin und dann Anwaltsgehilfin war, sich jetzt aber als deutsche Frau um Heim und Herd kümmern soll.

Einen richtigen Kriminalfall gibt es in „Marlow“ nicht. Bloß einen Autounfall, bei dem ein Taxifahrer unter den Yorckbrücken mit vollem Tempo gegen eine Wand rast. Dabei kommt aber auch ein Fahrgast zu Tode, der, wie Rath feststellt, ein SS-Mann ist, der heimlich Hermann Göring, den zweitwichtigsten Mann im Staat, ausspioniert hat. Für Reinhard Heydrich, den Chef des Sicherheitsdienstes. Das belegt zumindest eine Aktenmappe, die Rath, wie es seine Art ist, verschwinden lässt, bevor die SS das tut. Um dem Ganzen auf eigene Faust nachzugehen.

Es ist ein bedrückendes Szenario. In dem die Polizei noch die kleinen Verbrecher jagt, während die großen längst an der Regierung sitzen und ihre Untaten ganz ungeniert ausüben. Dass die Obernazis sich dabei gegenseitig misstrauen und bespitzeln, ist durchaus belegt. Kutscher entspinnt daraus einen Fall, der Rath genau dort hinführt, wo sein Junge auch hinmarschiert, nach Nürnberg. Und ehe er sich’s versieht, landet er ausgerechnet auf der Tribüne, auf der Hitler seine Reden bellt.

Ein zutiefst pessimistisches Buch

Wie immer lebt Kutschers Werk von vielen kleinen, genau recherchierten Details. Da kommt etwa der S-Bahn-Tunneleinsturz jenes Jahres am Brandenburger Tor vor, der Brand im Messegelände während der Funkausstellung oder die Bauarbeiten des neuen Reichsluftfahrtministeriums. Und auch wenn es immer politischer wird in den Rath-Krimis, ist dieser Fall ein ganz persönlich. Kutscher verwebt dafür sein eigenes Spin-Of der Reihe, „Moabit“, wo es um Charlottes Vater ging.

Plötzlich gibt es da nämlich seltsame Übereinstimmungen zum Taxi-Unfall, plötzlich schwebt Charly in größter Gefahr. Und dann ist da noch Marlow, die Nemesis von Gereon Rath, einst König der Unterwelt, der jetzt ganz offen Geschäfte mit Göring macht. In dem er Juden, die ins Exil fliehen wollen, ihren Besitz für einen Bruchteil ihres Wertes abnimmt. Und Göring daran mitverdient.

Es ist ein zutiefst pessimistisches Buch. In dem alle, wirklich alle Hauptfiguren am Ende verlieren. Man mag manchmal gar nicht weiterlesen, so sehr zieht der braune Sumpf einen beim Lesen hinab. Und dann wird man es doch wieder nicht erwarten können, bis der nächste Roman erscheint. Weil man unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Und ob es doch noch Hoffnung gibt.