Konzertkritik

Fehlfarben zelebrieren Meisterwerk „Monarchie und Alltag“

Die Fehlfarben bringen ihr Debüt-Album „Monarchie und Alltag“ von 1980 im Heimathafen Neukölln in voller Länge auf die Bühne.

Foto: pa

Berlin. Die Masche, seine Meisterwerke von früher wieder aufzuführen, hat jetzt auch den deutschen Punk erreicht. Seit Jahren, beobachtete der britische Pop-Papst Simon Reynolds, befindet sich die Popmusik im Stadium ihrer nostalgischen Selbstbespiegelung. Und so bringen auch die Fehlfarben ihr Debüt-Album „Monarchie und Alltag“ von 1980 im Heimathafen Neukölln in voller Länge auf die Bühne.

Die Aura des Meisterwerks umweht den Abend

Viele sind gekommen, denen man ansieht, dass sie 1980 live dabei haben. Aber auch viele, deren Outfits klar machen, dass sie damals gern dabei gewesen wären. Leider aber noch nicht geboren waren. Die Fehlfarben spielen vor fast drei Generationen. Nicht wenige können die ganze Platte von vorn bis hinten mitsingen.

Und es ist ja nicht übertrieben, wenn „Monarchie und Alltag“ immer wieder als eine der wichtigsten Platten der deutschsprachigen Popmusik gefeiert wird. Der dünne, klirrige Sound der Gitarren kam von Joy Division herübergeweht, das gespenstische Saxophon leitete die 80er Jahre ein. Und dann dieser Typ, der, schien es, so wenig singen wollte, wies nur ging. Der seine Texte eher ausspuckte, mit illusionslosem Schneid deklamierte. Wütend, aber nicht brachial. Düster, aber immer elegant.

Heute steigt Sänger Peter Hein im langen weißen Rüschenhemd zur Asterix-Hose auf die Bühne, darüber einen zu kurzen blauen Blouson, auf dem „Singer“ steht. Muss man sich erst mal trauen. Seine grauen Haare hängen strähnig herum. Immer wieder wischt er sich übers Gesicht, vergisst halbe Strophen, haut sich gegen die Stirn. Was hat er: Tourkoller, seinen persönlichen Elvis-in-Las-Vegas-Moment oder einfach einen kolossalen Kater?

„Lauter, lauter“ ruft das Publikum - es wird erhört

Endlich ist neben den Fans auch mal Hein selbst zu verstehen. Saskia von Klitzing spielt ein tief grummelndes, tightes Schlagzeug. Thomas Schneider schlägt die Stratocaster so fies und funky, wie es sich gehört. Bei den Urmitgliedern Michael Kemner, Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke gibt es Bierbäuche und schütteres Haar zu bewundern. Doch das macht alles nichts. Ab dem dritten Song sind die Fehlfarben abgetaucht in Musik und feiern die ungeheure Schlechtdraufigkeit ihrer Stücke mit voller, paradoxer Energie.

In den ersten Reihen: wildes Pogen. Punchlines wie „Deutschland, Deutschland / alles ist vorbei“ werden mit geschmettert. Fäuste fliegen in die Luft. Dabei sind diese so schneidig daherkommen Songs oft Hymnen an die Einsamkeit: „Und wenn die Wirklichkeit dich überholt / Hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol“. „Ernstfall – es ist schon längst soweit“, bellt Hein heraus wie ein kettenrauchender Collie. Oder, schaurig aktuell in Zeiten von Trump & Co.: „Berge explodieren / Schuld hat der Präsident! / Es geht voran“. Höhepunkt des Abends – wie der Platte – bleibt „Paul ist tot“, das Schlussstück mit den unsterblichen Zeilen: „Was ich haben will, das krieg ich nicht / Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht“. Der Song will gar nicht aufhören. Die Gitarren jaulen immer weiter.

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