Konzertkritik

Familiärer Abend mit Howe Gelb in Neukölln

Das Konzert in der Kneipe "Alter Roter Löwe Rein“ gleicht einer Jam-Session.

Die amerikanische Alternative-Country-Band um Frontmann Howe Gelb (Archivbild)

Die amerikanische Alternative-Country-Band um Frontmann Howe Gelb (Archivbild)

Foto: pa

Berlin. Wörter wie „intim“ und „Wohnzimmeratmosphäre“ werden bei der Beschreibung, vor allem kleiner Konzerte, geradezu inflationär gebraucht. Bei dem Auftritt von Howe Gelb in der Neuköllner Kneipe „Alter Roter Löwe Rein“ am Mittwoch drängt sich der Gebrauch dieser Wörter jedoch auf. Kaum ein Lied des Musikers aus Pennsylvania kommt an diesem Abend ohne Interaktion mit dem Publikum aus.

Von Beginn an wirkt Gelb entspannt. Er kommt mit Kapuzenjacke und grünem Basecap auf die kleine Bühne, und sofort verstummt der Kneipenlärm. Gelb setzt sich auf einen Hocker, hinter dem ein großes Wandbild eine Dorf-Idylle mit Fachwerkhäusern zeigt, und beginnt ohne Vorrede auf seiner Akustikgitarre zu spielen.

„Her name was Jane, but it could have been Mary“, singt Gelb, und seine Stimme ist so rau und dunkel wie die des späten Leonard Cohen. Dessen Song „A Thousand Kisses Deep“ er auch kurz darauf, auf seine ganz eigene Weise, interpretiert. Denn während er am Keyboard sitzt, scheint Gelb die verschiedenen Effekte seines Instruments zu entdecken, die er daraufhin auch gleich munter ausprobiert. Zwischendurch wundert er sich selbst über den dadurch entstehenden Klang, doch zu keinem Zeitpunkt wirkt sein Spiel dabei disharmonisch.

Gelbs Musik ist eine Mischung aus Country, Folk und Indie. Bekannt ist der Musiker unter anderem für seine Band Giant Sand, bei der es sich um eine ständig wechselnde Gruppe von Musikern handelt, deren einziger Fixpunkt Gelb selbst ist.

Gleich mehrere Nummern seiner Band bringt der Multiinstrumentalist an diesem Abend allein auf die Bühne. Zum Beispiel das rhythmische „We Don’t Play Tonight“. Als während des Liedes ein Mann aus dem Publikum aufsteht, um sich neues Bier zu holen, kommentiert Gelb dies mit den Worten: „Gibt es sonst noch irgendwelche Songs, die du nicht hören willst?“

Gelbs Interaktion mit seiner Umgebung ist es, die das gesamte Konzert auszeichnet. Als ein Mitarbeiter herbeieilt, um einen auf der Bühne umgefallenen Monitor wieder aufzurichten, erfindet der Musiker spontan ein Lied über Monitore. Und als kurz darauf ein Fotograf am Bühnenrand in die Hocke geht, fragt Gelb sofort, ob das denn eine komfortable Position sei.

Aus musikalischer Sicht ähnelt der Abend eher einer privaten Jam-Session als einem Konzert. Man hat das Gefühl, Gelb im Proberaum zuzuschauen, vor allem wenn er sich an das Keyboard setzt, dessen Effekte den ganzen Abend über eine große Faszination auf ihn ausüben. Während einer Cover-Version von Bob Dylans „All Along the Watchtower“ dreht Gelb erneut an den Reglern herum und freut sich dabei herrlich über die Reaktionen des Publikums.

„Das ist Spielerei, was ich hier mache, keine Arbeit“, kommentiert Gelb sein eigenes Tun. Natürlich kann man diese Spontanität und seine kindliche Freude auch albern finden, doch das Publikum ist ihm längst verfallen und freut sich mit ihm über jede gelungene Improvisation, sodass spätestens gegen Ende des Konzerts tatsächlich eine Art Intimität den kleinen Raum erfüllt.

Wieviel Wert Gelb auf Interaktion mit dem Publikum legt, wird klar, nachdem er für eine Zugabe auf die Bühne zurückkehrt. Eine Frau in den vorderen Reihen wünscht sich den Song „Blurry Blue Mountain“, und obwohl Gelb zugibt, den Text nicht mehr zu beherrschen, beginnt er zu spielen und verlässt sich dabei ganz auf das eigene Improvisationstalent. Das Publikum quittiert die Darbietung mit donnerndem Applaus, sodass Gelb wenig später gezwungen ist, eine weitere Zugabe zu geben, bevor er dankend sein grünes Basecap zieht und hinter der Bühne verschwindet.